Paris – 14.07.2026: Einen Tag vor dem hundertsten Jahrestag ihrer Einweihung rückt die Große Moschee von Paris ihre eigene Geschichte ins Licht. Der nun erschienene Band "Die Große Moschee von Paris: Blicke auf 100 Jahre in 100 Ereignissen" folgt einem Gebäude, das zugleich Gebetsort, Erinnerungsstätte und kultureller Treffpunkt geworden ist. Seine Chronik reicht weit über die kunstvollen Höfe und den Duft des Tees hinaus.
Der Bau entstand nach dem Ersten Weltkrieg auch als Zeichen des Gedenkens an muslimische Soldaten, die für Frankreich gefallen waren. Ein Gesetz vom 19. August 1920 ermöglichte die außergewöhnliche staatliche Finanzierung. Am 19. Oktober 1922 wurde der Grundstein gelegt. Vier Jahre später, am 15. Juli 1926, fand die feierliche Einweihung des Hauses nahe dem Jardin des Plantes statt.
Die Architektur im maurisch-andalusischen Stil war von Beginn an mehr als dekorative Kulisse. Das Minarett, die Zellij-Kacheln und die stillen Gartenwege schufen mitten im Quartier Latin einen Ort, der andere ästhetische und geistige Traditionen sichtbar machte. Die Moschee war damit auch ein Spiegel ihrer widersprüchlichen Entstehungszeit: ein republikanisches Gedenken, das untrennbar mit der kolonialen Geschichte Frankreichs verbunden blieb.
Der neue Jubiläumsband, herausgegeben vom Rektor Chems-eddine Hafiz und mit einem Vorwort von Stéphane Bern versehen, ordnet diese hundert Jahre in einhundert markante Stationen. Er will die Institution nicht als bloßes Denkmal behandeln, sondern als lebendigen Akteur. Gerade darin liegt seine kulturgeschichtliche Pointe: Die Moschee erscheint als Ort des Glaubens, aber ebenso als Haus des Lernens, des Gesprächs und der künstlerischen Vermittlung.
Heute umfasst dieses kulturelle Leben Sprachunterricht, zeitgenössische Ausstellungen, einen Literaturpreis, ein Kurzfilmfestival und Veranstaltungen im Rahmen der Pariser Kulturnacht Nuit Blanche. Für den Sommer ist außerdem eine Ausstellung zur Geschichte der arabischen Kalligraphie angekündigt. Sie soll vom 16. Juli bis zum 24. September 2026 gezeigt werden und begleitet einen erstmals ausgerichteten internationalen Wettbewerb für arabische Kalligraphie.
Dass eine Moschee auch Ausstellungen, Bücher und Filme beherbergt, ist hier keine nachträgliche Dekoration des Kultbetriebs. Es gehört zur Idee des Ortes. Zwischen Gebetsraum und Patio, Schriftkunst und Stadtgeschichte wird sichtbar, wie Kultur Verständigung ermöglichen kann, ohne Unterschiede glattzubügeln. Ein Jahrhundert nach der Einweihung bleibt die Große Moschee von Paris deshalb ein besonderer Resonanzraum der französischen Gegenwart.
Das Jubiläum knüpft zugleich an die Feierlichkeiten zum hundertsten Jahrestag der Grundsteinlegung im Oktober 2022 an. Nun verschiebt sich der Blick von der symbolischen Geste des Baubeginns auf die lange Nutzungsgeschichte des Hauses. Die Große Moschee von Paris feiert nicht allein ihr Alter, sondern die Beharrlichkeit einer Institution, deren kulturelle Bedeutung mit jeder Generation neu ausgehandelt wird.
Quellen
- Franceinfo
- Große Moschee von Paris
- Stadt Paris
- Kulturministerium Frankreichs