Manche Schiffe transportieren Waren, andere Menschen. Und dann gibt es jene seltenen Schiffe, die Geschichten tragen. Der Belem gehört ohne Zweifel zu dieser Kategorie. Als der berühmte Dreimaster Anfang Juni im Hafen von Dünkirchen festmachte, zog er nicht nur maritime Liebhaber an, sondern auch zahlreiche Familien, Touristen und Neugierige. Anlass für den Besuch war ein ganz besonderes Jubiläum: Der legendäre Segler feiert in diesem Jahr seinen 130. Geburtstag.
Wer über die Kais der Zitadelle schlenderte, spürte schnell die besondere Atmosphäre. Zwischen Möwenrufen, salziger Seeluft und dem geschäftigen Treiben des Hafenviertels ragten die Masten des historischen Schiffes weit in den Himmel. Fast wirkte es, als wäre die Zeit für einen Moment stehen geblieben.
Der Belem zählt zu den bekanntesten Schiffen Frankreichs. Er lief 1896 in Nantes vom Stapel und gilt heute als letzter großer französischer Handelssegler des 19. Jahrhunderts, der noch immer auf den Meeren unterwegs ist. Seine lange Geschichte liest sich wie ein Abenteuerroman. Ursprünglich transportierte er Kakao, Zucker und andere Waren zwischen Europa und Südamerika. Später wechselte das Schiff mehrfach den Besitzer und fuhr zeitweise sogar unter anderer Flagge.
Nicht viele Schiffe überstehen eine so lange Zeit. Stürme, Kriege und wirtschaftliche Veränderungen ließen zahlreiche historische Segler verschwinden. Der Belem entging diesem Schicksal nur knapp. In den späten siebziger Jahren stand das Schiff kurz vor dem endgültigen Verfall. Eine Rettungsaktion bewahrte den Dreimaster vor dem Untergang in die Vergessenheit. Nach aufwendigen Restaurierungsarbeiten erhielt er neues Leben und entwickelte sich zu einem der wichtigsten Symbole des französischen maritimen Erbes.
Genau diese Geschichte faszinierte die Besucher in Dünkirchen. Während der kostenlosen Besichtigungstage öffnete die Crew die Decks für die Öffentlichkeit. Tausende nutzten die Gelegenheit, einen Blick hinter die Kulissen des traditionsreichen Segelschiffes zu werfen. Wer die hölzernen Planken betrat, konnte sich leicht vorstellen, wie Seeleute vor mehr als einem Jahrhundert über dieselben Decks gingen.
Besonders beeindruckend zeigte sich die Takelage. Ein wahres Netz aus Seilen, Masten und Rahen erstreckt sich über das gesamte Schiff. Für viele Besucher stellte sich dabei unweigerlich die Frage: Wie gelang es den Seeleuten damals eigentlich, ein solches Schiff sicher über die Ozeane zu steuern?
Die Antwort liegt in einer Mischung aus Erfahrung, Mut und harter Arbeit. Das Leben an Bord eines Handelsschiffes Ende des 19. Jahrhunderts besaß wenig Romantik. Lange Reisen, schwere körperliche Arbeit und unberechenbares Wetter prägten den Alltag der Mannschaft. Gerade deshalb wirkt der Belem heute wie ein lebendiges Fenster in eine längst vergangene Welt.
Die Feierlichkeiten fanden im Rahmen des maritimen Festivals „Dunkerque fête la mer“ statt. Die Hafenstadt nutzte die Gelegenheit, ihre enge Verbindung zum Meer zu präsentieren. Historische Schiffe, Marineeinheiten und zahlreiche Veranstaltungen lockten Besucher aus der gesamten Region an.
Auch die berühmte Duchesse Anne stand im Mittelpunkt der Feierlichkeiten. Gemeinsam mit weiteren historischen Schiffen erinnerte sie an die große Seefahrertradition Nordfrankreichs. Dazu kamen Veranstaltungen zum 400-jährigen Bestehen der französischen Marine, die dem maritimen Wochenende zusätzliche Bedeutung verliehen.
Dass der Belem heute weit über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt ist, liegt nicht nur an seiner außergewöhnlichen Geschichte. Millionen Menschen auf der ganzen Welt sahen das Schiff im vergangenen Jahr im Fernsehen, als es die olympische Flamme von Griechenland nach Marseille brachte. Dieser symbolträchtige Auftrag rückte den historischen Segler erneut ins internationale Rampenlicht.
Doch vielleicht liegt die wahre Stärke des Belem gar nicht in spektakulären Einsätzen oder Jubiläen. Sein besonderer Wert besteht darin, Geschichte erlebbar zu machen. Während Museen Erinnerungen hinter Glas bewahren, segelt der Belem weiterhin über die Meere. Er lebt, bewegt sich und erzählt seine Geschichte auf ganz eigene Weise.
Dünkirchen erwies sich dafür als perfekter Gastgeber. Die Stadt blickt auf eine jahrhundertelange maritime Tradition zurück und versteht es, ihre Verbindung zum Meer sichtbar zu machen. Die Begeisterung der Besucher zeigte deutlich, dass historische Schiffe auch im digitalen Zeitalter nichts von ihrer Faszination verloren haben. Wer steht schließlich nicht gern vor einem Schiff, das bereits unterwegs war, als die ersten Automobile noch eine Seltenheit darstellten?
Nach den Feierlichkeiten setzt der Dreimaster seine Reise fort. Neue Häfen warten, neue Besucher ebenso. Und obwohl inzwischen 130 Jahre vergangen sind, wirkt der Belem keineswegs wie ein Relikt vergangener Zeiten. Eher wie ein alter Seemann, der noch immer spannende Geschichten auf Lager hat und sich kein bisschen aufs Altenteil zurückziehen möchte.
So bleibt sein Besuch in Dünkirchen weit mehr als eine einfache Hafenstation. Er erinnert daran, wie eng Frankreichs Geschichte mit dem Meer verbunden ist – und dass manche Legenden auch nach 130 Jahren nichts von ihrem Glanz verlieren.
Ein Artikel von M. Legrand