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Nachrichten.fr · 20.05.2026

Canal+ und der Kulturkampf im französischen Kino

Mitten im Glanz von Cannes, zwischen roten Teppichen, Champagnerempfängen und den üblichen Debatten über große Filme, entzündet sich plötzlich ein Konflikt, der weit über das Kino hinausreicht. Canal+, jahrzehntelang Herzstück der französischen Filmfinanzierung, legt sich offen mit Teilen der eigenen Kulturszene an — und Frankreich diskutiert nun nicht mehr nur über Kunst, sondern über Macht.

Auslöser der Krise: eine Tribüne gegen Vincent Bolloré, den einflussreichen Hauptaktionär der Canal+-Gruppe. Rund 600 Filmschaffende hatten öffentlich vor einer ideologischen und wirtschaftlichen Konzentration im französischen Medien- und Kulturbetrieb gewarnt. Unter den Unterzeichnern finden sich prominente Namen wie Juliette Binoche, Adèle Haenel oder Blanche Gardin. In Frankreich besitzt so ein Aufruf Gewicht. Dort gilt das Kino nicht bloß als Unterhaltung, sondern fast als nationale Angelegenheit.

Die Antwort von Canal+ fiel entsprechend hart aus.

Konzernchef Maxime Saada erklärte in Cannes, man wolle mit den Unterzeichnern künftig nicht mehr zusammenarbeiten. Die Kritik habe nicht allein Vincent Bolloré getroffen, sondern auch die Beschäftigten des Unternehmens und die Marke selbst. Für viele Beobachter klang das allerdings weniger nach Selbstverteidigung als nach einer politischen Drohung. Hinter den Kulissen des Festivals sprach man rasch von „schwarzen Listen“ — ein Begriff, der in der französischen Kulturwelt sofort Alarm auslöst.

Denn Canal+ ist kein x-beliebiger Fernsehsender.

Seit Jahrzehnten pumpt die Gruppe Milliarden in französische Produktionen. Viele Filme entstehen überhaupt erst, weil Canal+ gesetzlich verpflichtet ist, einen Teil seiner Einnahmen in das nationale Kino zu investieren. Regisseure, Produzenten und Schauspieler wissen deshalb genau: Wer sich mit Canal+ überwirft, riskiert mehr als schlechte Presse. Im schlimmsten Fall verschwinden Projekte, Förderungen oder Karrieren. Das macht die Sache explosiv.

Und irgendwie auch unerquicklich.

Frankreich liebt das Bild vom freien, rebellischen Künstler. Gleichzeitig hängt die Branche finanziell an einigen wenigen mächtigen Akteuren. Genau diese Abhängigkeit rückt nun brutal ins Scheinwerferlicht. Kritiker sagen: Wenn ein Medienkonzern Künstler wegen einer politischen Meinung ausschließt, bestätige das exakt jene Sorgen, die in der Tribüne formuliert wurden. Unterstützer von Canal+ wiederum argumentieren, ein Unternehmen müsse sich gegen öffentliche Angriffe verteidigen dürfen.

Die Fronten verhärten sich täglich.

Besonders heikel wirkt der Zeitpunkt. Während in Cannes internationale Kamerateams auf die Croisette drängen, schaut plötzlich die ganze Welt auf die Spannungen innerhalb des französischen Kulturmodells. Vincent Bolloré steht ohnehin seit Jahren im Zentrum hitziger Debatten. Sein wachsender Einfluss auf Fernsehsender, Verlage und Medienhäuser sorgt bei vielen Intellektuellen für Unruhe. Manche sehen darin einen konservativen Umbau der französischen Öffentlichkeit, andere schlicht knallhartes Unternehmertum. So oder so — der Mann polarisiert wie kaum ein anderer Unternehmer des Landes.

Am Ende geht es längst nicht mehr nur um Filme.

Die eigentliche Frage lautet: Wie frei bleibt Kultur, wenn wenige private Konzerne über enorme finanzielle Macht verfügen? Das französische Kino galt lange als Gegenmodell zu Hollywood — staatlich geschützt, kulturell ambitioniert, unabhängig im Geist. Doch nun zeigt sich eine empfindliche Sollbruchstelle. Hinter den poetischen Bildern und gefeierten Premieren verlaufen Machtlinien, die plötzlich für alle sichtbar werden.

Und Cannes? Dort lächeln die Stars weiter für die Fotografen. Aber hinter den Kulissen knirscht es gewaltig.

Von C. Hatty