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Nachrichten.fr · 18.05.2026

Cannes 2026: Das Festival entdeckt den Autorenfilm neu

Auf der Croisette weht in diesem Jahr ein anderer Wind. Weniger Blitzlichtgewitter aus Hollywood, weniger kalkulierter Glamour — dafür mehr düstere Stoffe, sperrige Erzählungen und Filme, die nicht gefallen wollen, sondern herausfordern. Schon in den ersten Tagen des Filmfestivals von Cannes 2026 zeichnet sich eine Stimmung ab, die viele Stammgäste überrascht: Das Kino sucht wieder das Risiko.

Besonders intensiv diskutiert wird Histoires de la nuit der französischen Regisseurin Léa Mysius. Die Verfilmung des Romans von Laurent Mauvignier gilt bereits jetzt als eine der stärksten französischen Produktionen des Wettbewerbs. Wer den Saal verlässt, spricht weniger über Handlung als über Atmosphäre. Der Film legt sich wie Nebel über das Publikum — bedrückend, hypnotisch, manchmal fast klaustrophobisch. Monica Bellucci und Benoît Magimel tragen diese Geschichte mit einer Wucht, die auf der Croisette für lange Gespräche bis tief in die Nacht sorgt.

Ganz anders, aber nicht weniger präsent: Paper Tiger von James Gray. Der amerikanische Regisseur, der kurzfristig in den Wettbewerb aufgenommen wurde, bringt ein Kino nach Cannes zurück, das viele schon vermisst hatten. Kein Superheldenspektakel, keine Franchise-Maschinerie, sondern ein stiller, melancholischer Film über Einsamkeit, Familie und verlorene Träume. Manche Kritiker sprechen bereits von einer kleinen Kampfansage an das moderne Studiosystem. Tja — manchmal reicht eben ein leiser Film, um lauter zu wirken als jede Explosion auf der Leinwand.

Auffällig bleibt vor allem die internationale Ausrichtung des Festivals. Namen wie Pedro Almodóvar, Asghar Farhadi, Ryusuke Hamaguchi oder László Nemes dominieren die Gespräche in den Cafés entlang der Croisette. Viele Beobachter spüren eine Rückkehr zum klassischen Autorenkino — jenem Kino also, bei dem Regisseure nicht bloß Inhalte liefern, sondern unverwechselbare Handschriften hinterlassen.

Dabei wirkt diese Ausgabe politischer und melancholischer als frühere Jahrgänge. Krieg, Identitätskrisen, ökologische Ängste und technologische Kontrollfantasien ziehen sich wie ein dunkler Faden durch zahlreiche Filme. Ein Journalist beschrieb Cannes bereits als „nervöses Festival“. Tatsächlich scheint das Weltgeschehen direkt auf die Leinwand durchzusickern. Selbst glamouröse Premieren tragen plötzlich einen ernsteren Unterton.

Und Cannes verändert sich auch außerhalb der Kinosäle sichtbar. Zwischen Schauspielstars und Regisseuren drängen inzwischen Influencer, TikTok-Kritiker und Content-Creator auf die roten Teppiche. Für die einen ist das frischer Wind und eine Öffnung des Festivals für jüngere Generationen. Andere rollen genervt mit den Augen und sprechen von einer digitalen Dauerinszenierung. Die Debatte darüber gehört inzwischen fast genauso fest zu Cannes wie Smoking und Abendkleid.

Einen klaren Favoriten für die Goldene Palme gibt es bislang nicht. Genau das macht diese Ausgabe allerdings so spannend. Statt eines übermächtigen Films prägen diesmal viele radikale, persönliche Werke das Festival. Vielleicht fehlt der große Glamour vergangener Jahre. Dafür scheint Cannes 2026 wieder stärker an das zu erinnern, was dieses Festival einst berühmt machte: mutiges Kino für Menschen, die sich überraschen lassen wollen.

Von C. Hatty