Zurück

Nachrichten.fr · 19.05.2026

Cannes zwischen Kino und Machtpolitik

An der Croisette glitzern die Kameras, Designerroben rauschen über rote Teppiche, Champagner fließt in Strömen — und doch liegt über dem Filmfestival von Cannes in diesem Jahr eine eigentümliche Schwere. Statt über Goldene Palmen, große Regiedebüts oder die nächste Sensation aus Hollywood spricht die Branche plötzlich über Boykott, politische Einflussnahme und die Grenzen der Meinungsfreiheit.

Ausgerechnet dort, wo Frankreich sein Kino traditionell wie eine nationale Kunstreligion feiert, ist ein offener Kulturkampf ausgebrochen.

Im Zentrum der Affäre steht Canal+-Chef Maxime Saada. Seine Ankündigung traf die französische Filmwelt wie ein Donnerschlag. Künftig, so erklärte er in Cannes, wolle Canal+ nicht mehr mit Filmschaffenden zusammenarbeiten, die eine anti-Bolloré-Tribüne unterzeichnet hatten. Rund 600 Schauspieler, Produzenten und Regisseure hatten sich zuvor öffentlich gegen den wachsenden Einfluss des Medienunternehmers Vincent Bolloré gestellt.

Und plötzlich stand eine Frage im Raum, die in Frankreich fast sakral wirkt: Darf wirtschaftliche Macht darüber entscheiden, wer im Kino noch mitspielen darf?

Der Konflikt reicht weit über einen simplen Streit zwischen Künstlern und einem Fernsehsender hinaus. Canal+ besitzt im französischen Filmsystem eine Stellung, die man kaum überschätzen kann. Seit Jahrzehnten finanziert der Sender einen erheblichen Teil der heimischen Produktionen. Viele Filme entstehen überhaupt erst durch diese Beteiligungen. Wer dort keinen Zugang mehr erhält, verliert schnell Sichtbarkeit, Finanzierung und Reichweite. In der Branche macht deshalb bereits ein Wort die Runde, das sonst eher aus dunkleren politischen Zeiten bekannt ist: schwarze Liste.

Genau das sorgt für Nervosität.

Denn Frankreich versteht sein Kino nicht bloß als Unterhaltungsindustrie. Der Film gilt als kulturelles Rückgrat des Landes — ein Raum für Widerspruch, Vielfalt und kreative Freiheit. Diese Vorstellung gehört fast zur republikanischen DNA. Wenn nun politische Positionierungen berufliche Konsequenzen nach sich ziehen könnten, wirkt das auf viele Filmschaffende wie ein Tabubruch.

Der Auslöser war eine in der Zeitung Libération veröffentlichte Erklärung. Darin warnten prominente Unterzeichner vor der zunehmenden Konzentration von Medienmacht rund um Vincent Bolloré. Kritiker werfen dessen Medienimperium seit Jahren vor, politische und gesellschaftliche Debatten zunehmend nach rechts zu verschieben. Besonders die starke Vernetzung von Fernsehsendern, Verlagen und Produktionsstrukturen sorgt bei vielen Kulturschaffenden für Unbehagen.

Dass nun ausgerechnet Cannes zur Bühne dieser Auseinandersetzung wird, besitzt fast symbolische Kraft.

Zwischen Luxusyachten und Blitzlichtgewitter zeigt sich plötzlich die andere Seite der französischen Kulturindustrie — rau, politisiert und ziemlich angespannt. Hinter den Kulissen reden Produzenten inzwischen weniger über Drehbücher als über Machtverhältnisse. Manche sprechen bereits von amerikanischen Verhältnissen, andere von einer gefährlichen Überreaktion. Wieder andere zucken nur mit den Schultern und sagen: „Das war doch längst absehbar.“

Ein bisschen klingt das alles wie ein Familienstreit beim Sonntagsessen — nur mit Millionenbudgets und nationaler Tragweite.

Selbst der Präsident des französischen Filmförderzentrums CNC bemühte sich bereits um Beruhigung. Die Aussagen von Canal+ könnten eine emotionale Reaktion gewesen sein, hieß es vorsichtig. Doch allein diese diplomatische Wortwahl zeigt, wie heikel die Lage inzwischen geworden ist.

Denn hinter der Debatte steht eine größere Frage: Wem gehört die kulturelle Erzählung Frankreichs? Den Künstlern? Den Medienkonzernen? Oder jenen, die beides finanzieren?

Cannes liefert darauf in diesem Jahr keine einfache Antwort. Stattdessen verwandelt sich das berühmteste Filmfestival der Welt gerade in ein politisches Laboratorium Frankreichs — mit offenem Ausgang.

Von C. Hatty