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NEWSDESK · 06.06.2026

Cassiopée, zentrales Justiztool, im Zentrum der Kritik nach dem Fall Lyhanna

Paris – 06.06.2026: Der tragische Fall der 11-jährigen Lyhanna, die in einem verlassenen Getreidesilo im Südwesten Frankreichs tot aufgefunden wurde, hat potenzielle Mängel im französischen Justizsystem aufgedeckt. Der Hauptverdächtige, Jérôme B., ein 41-jähriger Mann mit vorherigen Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen, war den Behörden bereits aus früheren Ermittlungen bekannt, die aufgrund mangelnder Beweise eingestellt wurden. Trotz einer neuen Anzeige im Jahr 2025 blieb er aufgrund systemischer Verzögerungen, administrativer Ineffizienzen und unzureichender Risikobewertung durch die Staatsanwaltschaft auf freiem Fuß.

Ein zentrales Element in diesem Kontext ist Cassiopée, das seit 2008 in allen französischen Gerichten eingesetzte zentrale Verfahrensmanagementsystem. Dieses System soll die Verwaltung und Nachverfolgung von Verfahren erleichtern, indem es Informationen zu beteiligten Personen, Straftaten, Verurteilungen und weiteren Verfahrensdetails zentralisiert. Allerdings wurde Cassiopée wiederholt für technische Mängel und Ineffizienzen kritisiert. Bereits 2011 wurden zahlreiche Bugs gemeldet, die die Arbeitsabläufe der Justiz behinderten. Zudem stiegen die Kosten des Systems von 4,4 Millionen Euro im Jahr 2006 auf 142 Millionen Euro im Jahr 2018 erheblich an.

In der aktuellen Affäre um Lyhanna werfen diese Mängel Fragen auf. Es wird vermutet, dass frühere Verfahren gegen den Hauptverdächtigen möglicherweise nicht korrekt in Cassiopée erfasst wurden, was zu Verzögerungen und Informationsverlusten führte. Ein erfahrener Staatsanwalt äußerte Zweifel an der Wahrscheinlichkeit von Erfassungsfehlern, da bei der Einstellung eines Verfahrens die Informationen an das für die Eingabe in Cassiopée zuständige Büro übermittelt werden. Dennoch bleibt unklar, ob in diesem speziellen Fall alle relevanten Daten ordnungsgemäß eingegeben wurden.

Die Kritik an Cassiopée ist nicht neu. Syndikate von Gerichtsschreibern haben wiederholt auf die zahlreichen Bugs und Verzögerungen hingewiesen, die die Arbeitsbelastung erhöhen und das Risiko von Fehlern steigern. Sie betonen, dass das Personal zu viel Zeit mit der Umgehung technischer Mängel verbringt, anstatt sich auf ihre Kernaufgaben zu konzentrieren.

In Reaktion auf die Vorwürfe hat die französische Regierung eine interne Untersuchung eingeleitet, um die Ursachen der Verzögerungen und möglichen Fehler im Umgang mit dem Fall Lyhanna zu ermitteln. Justizminister Gérald Darmanin bezeichnete die Situation als "untragbar" und versprach, die Ergebnisse der Untersuchung öffentlich zu machen und gegebenenfalls Konsequenzen zu ziehen.

Die Affäre Lyhanna hat somit nicht nur die tragischen Umstände des Einzelfalls beleuchtet, sondern auch strukturelle Schwächen im französischen Justizsystem aufgezeigt, insbesondere im Umgang mit zentralen Verwaltungstools wie Cassiopée. Die laufenden Untersuchungen werden entscheidend sein, um festzustellen, inwieweit technische Mängel und organisatorische Defizite zur Tragödie beigetragen haben.