Kaum hatte der G7-Gipfel in Évian-les-Bains begonnen, ist die Region zum Ziel einer koordinierten Cyberattacke geworden. Mehrere Internetseiten von Gemeinden und öffentlichen Einrichtungen in der Haute-Savoie waren am 15. Juni vorübergehend nur eingeschränkt erreichbar oder fielen zeitweise ganz aus. Betroffen waren unter anderem Annecy, Thonon-les-Bains, Évian-les-Bains und Saint-Gingolph. Die Vorfälle verdeutlichen einmal mehr, dass internationale Gipfeltreffen längst nicht mehr nur auf diplomatischer und sicherheitspolitischer Ebene ausgetragen werden, sondern auch im digitalen Raum.
Zu der Attacke bekannte sich die pro-russische Hackergruppe NoName057(16), die seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine immer wieder mit Angriffen auf staatliche Einrichtungen und öffentliche Infrastrukturen westlicher Länder in Erscheinung tritt. Die Gruppe nutzt vor allem sogenannte DDoS-Angriffe. Dabei werden Server mit einer enormen Anzahl von Anfragen überlastet, bis Webseiten oder Onlinedienste nicht mehr erreichbar sind. Anders als bei klassischen Hackerangriffen steht dabei nicht der Diebstahl von Daten im Vordergrund, sondern die gezielte Störung der Verfügbarkeit digitaler Angebote.
Nach bisherigen Erkenntnissen blieben die Auswirkungen in der Haute-Savoie begrenzt. Hinweise auf Datenabflüsse, Manipulationen oder das Eindringen in interne Informationssysteme liegen bislang nicht vor. Die Attacke hatte offenbar vor allem symbolischen Charakter. Die Angreifer nutzten die internationale Aufmerksamkeit rund um den G7-Gipfel, um ihre Handlungsfähigkeit zu demonstrieren und mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Dass die Region rund um den Genfersee ins Visier genommen wurde, überrascht Sicherheitsexperten kaum. Große politische Veranstaltungen gelten seit Jahren als bevorzugte Ziele für Cyberangriffe. Derartige Aktionen verursachen zwar oft nur begrenzte technische Schäden, entfalten jedoch eine erhebliche politische und kommunikative Wirkung. Sie sollen Unsicherheit erzeugen, Sicherheitsbehörden beschäftigen und den Eindruck vermitteln, staatliche Institutionen seien verwundbar.
Die Entwicklung zeigt einen grundlegenden Wandel moderner geopolitischer Konflikte. Digitale Angriffe sind heute ein fester Bestandteil internationaler Machtprojektion. Während früher Proteste oder Demonstrationen die öffentliche Wahrnehmung von Gipfeltreffen prägten, treten zunehmend virtuelle Angriffe in den Vordergrund. Hacktivistische Gruppen agieren dabei oft an der Schnittstelle zwischen politischer Botschaft und technischer Sabotage.
Der Vorfall in der Haute-Savoie dürfte daher weniger wegen seiner unmittelbaren Folgen in Erinnerung bleiben als vielmehr als weiteres Beispiel für die zunehmende Verflechtung von Weltpolitik und Cyberraum. Internationale Gipfel werden künftig nicht nur von Polizeikräften und Geheimdiensten geschützt werden müssen, sondern ebenso von Spezialisten für digitale Sicherheit, die unsichtbare Angriffe auf kritische Infrastrukturen abwehren.
Andreas M. Brucker