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Nachrichten.fr · 26.05.2026

Der ewige Suchende des Jazz: Sonny Rollins stirbt mit 95 Jahren

Der Jazz verliert eine seiner letzten großen Figuren. Der amerikanische Tenorsaxophonist Sonny Rollins ist im Alter von 95 Jahren in seinem Haus im Bundesstaat New York gestorben. Mit ihm verschwindet nicht bloß ein Musiker der alten Schule, sondern ein Künstler, der den Jazz über Jahrzehnte hinweg immer wieder neu erfand — rastlos, kompromisslos und voller Zweifel an sich selbst.

Rollins gehörte zu jener Generation, die den Bebop nicht nur spielte, sondern atmete. Sein Ton war unverwechselbar: kräftig, kantig, manchmal beinahe rau, dann wieder verspielt und leichtfüßig wie ein Straßenmusiker in Harlem an einem heißen Sommerabend. Viele Jazzfans stellten ihn in eine Reihe mit John Coltrane und Charlie Parker — ein Ritterschlag, der im Jazzuniversum schwerer wiegt als mancher Orden.

Und doch fühlte sich Rollins nie angekommen.

Er bezeichnete sich bis ins hohe Alter als „work in progress“, als unfertiges Werk. Ein Satz, der viel über diesen Mann erzählt. Während andere Künstler irgendwann ihren Stil konservieren wie ein Familienrezept, stellte Rollins alles infrage — selbst die eigenen Meisterwerke. Alte Aufnahmen anzuhören empfand er oft als schmerzhaft. Zu viele Fehler. Zu viel Stillstand. Zu wenig Wahrheit.

Vielleicht lag genau darin seine Größe.

Geboren 1930 in Harlem, wuchs Theodore Walter Rollins in einem musikalischen Haushalt auf. Der Vater spielte Klarinette, die Schwester Klavier, der Bruder Geige. Erst wollte man ihn ans Klavier setzen, doch das interessierte den Jungen herzlich wenig. Baseball draußen auf der Straße — das war eher sein Ding. Dann entdeckte er das Saxophon. Ein Schlüsselmoment. Mit elf Jahren hielt er sein erstes Instrument in den Händen, ein Altsaxophon. Von da an ging’s los.

Schon als Teenager spielte Rollins mit Legenden wie Thelonious Monk, Miles Davis und Bud Powell. Die New Yorker Jazzszene jener Jahre war ein brodelnder Hexenkessel aus Genialität, Drogen und schlaflosen Nächten. Rollins geriet früh in den Strudel der Heroinsucht. Gefängnisaufenthalte folgten, Abstürze, Obdachlosigkeit in Chicago. Eine Karriere stand kurz davor, im Nichts zu verschwinden.

1954 zog er die Reißleine.

In einer Entzugsklinik in Kentucky kämpfte er sich zurück ins Leben. Später sprach Rollins von einer spirituellen Erweckung. Das Leben bekam plötzlich Tiefe, sagte er einmal. Der Jazz ebenso.

Es folgten Jahre, die ihn endgültig unsterblich machten. Das Album „Saxophone Colossus“ aus dem Jahr 1956 gilt bis heute als Meilenstein des Hard Bop. Stücke wie „St. Thomas“ wirken noch immer frisch, als hätte Rollins sie gestern Nacht eingespielt. Dabei besaß sein Spiel nie bloß technische Brillanz. Es hatte Witz, Ironie, manchmal fast etwas Freches. Er konnte musikalische Geschichten erzählen wie andere Leute Kneipenwitze.

Und dann tat er etwas, das kaum jemand verstand.

Auf dem Höhepunkt seines Ruhms verschwand Rollins plötzlich von der Bildfläche. Keine Konzerte, keine Aufnahmen. Stattdessen übte er stundenlang allein auf der Williamsburg Bridge in New York, hoch über dem East River. Dort suchte er nach einem neuen Klang, nach sich selbst. Verrückt? Vielleicht ein bisschen. Aber eben typisch Sonny Rollins.

Als er Anfang der sechziger Jahre zurückkehrte, hatte sich der Jazz verändert. Free Jazz verdrängte die klaren Strukturen des Bebop. Viele Musiker fremdelten mit dem neuen Chaos. Rollins nicht. Er stürzte sich hinein, experimentierte, irritierte Fans und Kritiker gleichermaßen. Stillstand war für ihn offenbar schlimmer als Scheitern.

Selbst Menschen, die mit Jazz wenig anfangen konnten, hörten irgendwann Sonny Rollins, ohne es zu merken. Sein sehnsüchtiges Saxophonsolo in dem Song „Waiting on a Friend“ der Rolling Stones brachte ihn Anfang der achtziger Jahre einem Millionenpublikum näher.

Bis ins hohe Alter blieb Rollins aktiv. Noch in seinen Achtzigern stand er auf der Bühne, trainierte täglich und arbeitete diszipliniert wie ein Spitzensportler. Erst eine Lungenerkrankung zwang ihn zum Rückzug. Sein letztes Konzert spielte er 2012.

Am Ende sprach aus seinen Interviews oft Gelassenheit. Die ewige Selbstkritik blieb zwar, aber auch ein Frieden mit der eigenen Vergänglichkeit. Über unveröffentlichte Aufnahmen sagte er einmal sinngemäß: Nach seinem Tod könne er ohnehin nichts mehr kontrollieren. Und ehrlich gesagt — das sei vielleicht auch ganz gut so.

Der Jazz verliert mit Sonny Rollins keinen Nostalgiker.

Sondern einen Suchenden.

Von C. Hatty