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Nachrichten.fr · 20.05.2026

Der Fall Jonathan Coulom: Ein Prozess nach 22 Jahren und die Suche nach der Wahrheit

Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Verschwinden des kleinen Jonathan Coulom rollt Frankreich eines der bedrückendsten Kriminalverfahren der frühen 2000er Jahre erneut auf. Vor dem Schwurgericht in Nantes begann nun der Prozess gegen den Deutschen Martin Ney – ein Name, der in Deutschland längst mit einer Serie grausamer Verbrechen verbunden ist. Für Jonathans Familie markiert dieser Prozess keinen Schlussstrich. Eher einen letzten Versuch, endlich Antworten zu finden.

Jonathan war erst zehn Jahre alt, als er in der Nacht vom 6. auf den 7. April 2004 verschwand. Der Junge nahm damals mit seiner Schulklasse aus dem Département Cher an einer Klassenfahrt in Saint-Brevin-les-Pins an der französischen Atlantikküste teil. Morgens fehlte jede Spur von ihm. Lehrer, Polizei, freiwillige Helfer – alle suchten fieberhaft. Frankreich verfolgte den Fall mit angehaltenem Atem.

Wochen später dann die grausame Entdeckung.

Jonathans Leiche wurde in einem Teich nahe Guérande gefunden. Mit einem Betonstein beschwert, gefesselt, versteckt wie ein dunkles Geheimnis. Viele Ermittler sprechen bis heute von einem jener Fälle, die man nie wirklich vergisst. Zu verstörend die Details. Zu jung das Opfer.

Im Mittelpunkt des jetzigen Prozesses steht Martin Ney, heute 55 Jahre alt. In Deutschland verbüßt er bereits eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen der Ermordung von drei Jungen zwischen 1992 und 2001. Hinzu kommen zahlreiche sexuelle Übergriffe auf Minderjährige. Die deutsche Presse gab ihm damals einen Namen, der klingt wie aus einem Albtraum: „Der schwarze Mann“.

Schon früh bemerkten deutsche Ermittler Ähnlichkeiten zwischen den bekannten Taten Neys und dem Fall Jonathan Coulom. Doch ein direkter Beweis fehlte lange Zeit. Genau das macht diesen Prozess so außergewöhnlich – und juristisch heikel.

Denn Martin Ney bestreitet bis heute jede Beteiligung.

Die französische Anklage stützt sich vor allem auf Indizien. Besonders rätselhaft wirkt ein Internetbeitrag aus dem Jahr 2004, in dem Details zum Mord erwähnt wurden, bevor Jonathans Leiche überhaupt gefunden worden war. Dazu kommen Aussagen von Zeugen, die Ney damals möglicherweise in der Region gesehen haben wollen. Auch ein ehemaliger Mithäftling belastet ihn schwer. Er behauptet, Ney habe ihm die Tat im Gefängnis gestanden.

Ob das für eine Verurteilung reicht, bleibt offen.

Der Prozess dürfte emotional aufgeladen verlaufen. Rund drei Wochen lang sollen Experten, Ermittler und Zeugen aus Frankreich und Deutschland aussagen. Viele Beteiligte begleiten den Fall seit Jahrzehnten. Einige Ermittler sind inzwischen pensioniert, andere erinnern sich noch exakt an die Suchaktionen jener kalten Frühlingstage von 2004. Solche Verfahren tragen oft etwas Gespenstisches in sich – als würde die Vergangenheit plötzlich wieder den Raum betreten.

Gleichzeitig zeigt der Fall, wie stark sich sogenannte „Cold Cases“ verändert haben. Früher konzentrierten sich Ermittlungen meist auf regionale Spuren und lokale Verdächtige. Erst die intensivere Zusammenarbeit europäischer Behörden brachte Bewegung in den Fall Jonathan Coulom. Grenzüberschreitende Ermittlungen, neue Aussagen und digitale Spuren rückten Martin Ney immer stärker in den Fokus.

Für die Familie des Jungen zählt am Ende vor allem eines: Gewissheit. Nach 22 Jahren voller Zweifel, Hoffnungen und Rückschläge steht nun die Frage im Raum, ob das Gericht endlich klären kann, was damals wirklich geschah.

Und ob ein so lange verborgenes Verbrechen tatsächlich noch juristisch aufgearbeitet werden kann – oder ob manche Schatten für immer bleiben.

Von C. Hatty