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Nachrichten.fr · 15.05.2026

Die Goldene Palme – jenes kleine Stück Gold, das in Cannes über Ruhm und Legenden entscheidet

An der Croisette herrscht jedes Jahr dieselbe seltsame Ordnung der Aufmerksamkeit. Die Fotografen jagen den Hollywoodstars hinterher, Kritiker zerlegen Filme bis ins kleinste Detail, Produzenten verhandeln hinter verschlossenen Türen über Millionenbeträge. Und doch richtet sich am Ende alles auf ein Objekt, das kaum größer als eine Handfläche ist: die Goldene Palme.

Sie glänzt hinter Glasvitrinen wie ein Heiligtum.

Wer während des Filmfestivals durch den Palais des Festivals läuft, spürt schnell, dass diese Trophäe mehr ist als bloßer Schmuck aus Edelmetall. Gäste bleiben stehen, zücken ihre Smartphones, flüstern fast ehrfürchtig. Manche schauen die Palme an wie Fußballfans den WM-Pokal – nur eleganter, französischer, ein bisschen geheimnisvoller.

Seit ihrer Einführung im Jahr 1955 ersetzte die Goldene Palme den damaligen „Großen Preis“ des Festivals und entwickelte sich Schritt für Schritt zum wohl prestigeträchtigsten Preis des internationalen Autorenkinos. Ihr Name verweist auf das Wappen der Stadt Cannes, das einen Palmzweig zeigt. Aus diesem lokalen Symbol entstand im Laufe der Jahrzehnte eine Ikone des Weltkinos.

Und tatsächlich: Die Palme besitzt eine Aura, die weit über den Glamour des roten Teppichs hinausgeht.

Seit den 1990er Jahren fertigt das Schweizer Luxushaus Chopard die Trophäe in aufwendiger Handarbeit. 18-karätiges Gelbgold, geschliffenes Kristall, viele Stunden filigraner Arbeit – jedes Exemplar unterscheidet sich minimal vom vorherigen. Kein Fließbandprodukt also, sondern fast schon ein Kunstwerk für sich.

Gerade diese Exklusivität erklärt den beinahe emotionalen Umgang vieler Regisseure mit der Auszeichnung. In Hollywood lockt der Oscar mit Marktwert, großen Studios und weltweiter Vermarktung. Cannes dagegen pflegt ein anderes Selbstbild: Hier geht es um Kino als Kunstform. Politisch. Mutig. Sperrig. Manchmal unbequem.

Und genau deshalb verändert ein Sieg in Cannes Karrieren oft schlagartig.

Als Quentin Tarantino 1994 mit Pulp Fiction gewann, katapultierte ihn die Palme endgültig in die erste Liga des Weltkinos. Michael Haneke erhielt mit Das weiße Band internationale Weihen. Bong Joon-ho schrieb mit Parasite Filmgeschichte. Julia Ducournau sorgte mit Titane für hitzige Diskussionen – typisch Cannes eben.

Denn kaum ein Preis produziert so regelmäßig Streit.

Jedes Jahr gibt es Filme, die als zu radikal, zu politisch oder schlicht als Fehlentscheidung gelten. In den Cafés rund um die Croisette diskutieren Journalisten bis tief in die Nacht. Manchmal entstehen dort Debatten, die fast spannender wirken als die Filme selbst. Tja, Cannes liebt das Drama eben nicht nur auf der Leinwand.

Besonders intensiv wirkt der Moment der Preisverleihung.

Wenn am letzten Festivalabend der Jurypräsident den Umschlag öffnet, entsteht im Saal eine Stille, die fast körperlich spürbar ist. Regisseure erstarren. Produzenten lächeln nervös. Für wenige Sekunden hängt eine gesamte Filmkarriere an einem einzigen Namen.

Dann taucht sie auf – kurz im Scheinwerferlicht.

Die Goldene Palme wandert über die Bühne, wird hochgehalten, fotografiert, gefeiert. Wenige Tage später verschwindet sie meist wieder aus der Öffentlichkeit. Manche Sieger stellen sie ins Büro, andere verstecken sie diskret in einer Bibliothek oder einem Safe. Der Mythos aber bleibt.

Und jedes Jahr im Mai beginnt das gleiche Schauspiel erneut.

Denn beim Festival von Cannes bleibt die eigentliche Hauptrolle oft diesem kleinen Palmzweig aus Gold vorbehalten – einem Symbol, das die Filmwelt seit Jahrzehnten träumen lässt.

Von C. Hatty