Eine breit angelegte Kontrollaktion in den Bouches-du-Rhône markiert einen neuen Kurs in der französischen Drogenpolitik. Mit 1.200 Einsatzkräften und verschärften Bußgeldern will Paris ein deutliches Signal setzen – nicht nur für Dealer, sondern auch für Gelegenheitskonsumenten.
In 23 Städten des südfranzösischen Départements Bouches-du-Rhône, darunter auch Marseille, haben Polizei und Gendarmerie am 28. Januar 2026 eine groß angelegte Kontrollaktion gegen Drogenkonsumenten gestartet. Die dreitägige Maßnahme ist Teil einer politischen Neuausrichtung, die Staatspräsident Emmanuel Macron Mitte Dezember 2025 in Marseille angekündigt hatte: Die Geldbuße für den Besitz von Drogen soll von derzeit 200 auf 500 Euro angehoben werden. Daran zeigt sich, dass Frankreich seinen repressiven Kurs im Umgang mit illegalen Substanzen verschärft – mit Fokus auf den Endverbraucher.
Konsum unter Generalverdacht
Die Bilder sind eindeutig: Polizisten auf Fahrrädern durchkämmen das Viertel Belsunce, ein sozial angespanntes Quartier nahe dem Hauptbahnhof von Marseille. Die Szenen, die Journalistinnen und Journalisten von Franceinfo dokumentieren, verdeutlichen das neue Vorgehen. Eine 38-jährige Frau wird mit Crack im Wert von zehn Euro erwischt. Ein Passant mit einem Joint wird ebenfalls zur Kasse gebeten. Die Einsätze verlaufen teils angespannt. „Ich bin vor meiner Haustür, und Sie kontrollieren mich?“, beschwert sich ein Anwohner. Die Antwort des Polizisten: „Es ist kein Zufall, dass wir hier sind.“
Was in Frankreichs zweitgrößter Stadt exemplarisch sichtbar wird, ist ein Paradigmenwechsel in der französischen Drogenpolitik. Bislang lag der Schwerpunkt auf der Bekämpfung des Handels, nun rückt der Konsum stärker in den Fokus. Die neue Linie wird von der stellvertretenden Polizeipräfektin Corinne Simon unmissverständlich formuliert: „Wenn Sie Drogen kaufen, ob gelegentlich oder regelmäßig, tragen Sie zum Drogenhandel bei.“ Der Konsument wird somit nicht mehr nur als Opfer, sondern als Mitverursacher des Problems gesehen – eine Sichtweise, die Kritiker als verkürzt und stigmatisierend bezeichnen.
Bußgelder als Hauptinstrument
Die sogenannte amende forfaitaire délictuelle, eine pauschale Strafzahlung, wurde 2020 eingeführt, um das Justizsystem zu entlasten. Sie erlaubt es der Polizei, Drogenbesitz unmittelbar vor Ort mit einem Bußgeld zu ahnden, ohne dass ein Gerichtsverfahren notwendig ist. 2025 wurden allein im Département Bouches-du-Rhône rund 15.000 solcher Bußgelder verhängt. Der Schritt zur Erhöhung auf 500 Euro soll abschreckende Wirkung entfalten – und signalisiert den politischen Willen zu mehr Durchgriff.
Doch Fachleute und Sozialarbeiter warnen: Gerade sozial benachteiligte Konsumenten würden durch solche Maßnahmen zusätzlich unter Druck gesetzt. Die Strategie laufe Gefahr, Symptome zu bekämpfen, ohne Ursachen zu adressieren – etwa Armut, Perspektivlosigkeit oder psychische Erkrankungen. Zudem gebe es bislang kaum belastbare Daten zur Wirksamkeit der Geldstrafen auf den tatsächlichen Drogenkonsum.
Sicherheitsdiskurs statt Gesundheitspolitik
Frankreichs repressiver Umgang mit Drogen steht im europäischen Vergleich relativ isoliert da. Während Portugal bereits im Jahr 2001 die Entkriminalisierung des Drogenkonsums einleitete und seither auf Therapie statt Strafe setzt, bleibt Frankreich bei der juristischen Verfolgung. Auch in Deutschland, Luxemburg oder der Schweiz diskutiert man inzwischen verstärkt Modelle der Regulierung, insbesondere im Hinblick auf Cannabis.
In Frankreich hingegen dominiert der Sicherheitsdiskurs. Das Thema Drogen wird zunehmend mit der Bekämpfung von Clanstrukturen, Jugendkriminalität und „Zones de non-droit“ – rechtsfreien Räumen – verknüpft. Die Kontrollen in Marseille stehen somit auch exemplarisch für eine Politik, die innenpolitische Stärke demonstrieren will. Präsident Macron kündigte bei seinem Besuch in der Mittelmeerstadt nicht nur die Erhöhung der Bußgelder an, sondern auch Investitionen in Polizei und Justiz. Der Subtext: Kontrolle statt Entkriminalisierung.
Diese Linie passt in den breiteren Kontext einer politischen Gemengelage, in der rechte und rechtsextreme Parteien zunehmend den Ton angeben. Die Regierungsmehrheit sieht sich unter Druck, Härte zu zeigen – auch gegenüber jenen, die bislang eher als Opfer denn als Täter galten. Der Konsument wird kriminalisiert, um Handlungsfähigkeit zu signalisieren.
Zwischen Symbolpolitik und systemischer Leerstelle
Ob die neue Strategie langfristig Wirkung zeigt, bleibt fraglich. Die französische Drogenpolitik bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen symbolischer Machtdemonstration und verpassten Reformen. Die strukturellen Ursachen des Drogenkonsums – von mangelnder Prävention über überlastete Suchthilfeeinrichtungen bis hin zu fehlender psychologischer Betreuung – bleiben weitgehend unbehandelt.
Zwar ist die Verbindung zwischen Konsum und organisiertem Drogenhandel real, doch Experten mahnen zu Differenzierung. Ein Gelegenheitskonsument mit einem Joint trägt nicht im gleichen Maß zur Finanzierung krimineller Netzwerke bei wie großflächiger Schmuggel oder professioneller Handel. Eine pauschale Gleichsetzung untergräbt diese Nuancen – und könnte das Vertrauen in staatliche Maßnahmen weiter erodieren.
Die aktuellen Kontrollen sind somit mehr als nur ein sicherheitspolitisches Manöver: Sie sind Ausdruck einer gesellschaftlichen Grundsatzfrage darüber, wie mit Drogenkonsum umgegangen werden soll – als strafrechtliches Problem oder als soziales und gesundheitspolitisches Phänomen. Die Antwort Frankreichs ist vorerst eindeutig – doch ob sie auch nachhaltig ist, bleibt offen.
Autor: Andreas M. Brucker