Paris – 05.06.2026: Die ehemalige US-amerikanische Topmodel Carré Otis hat am Freitag vor einem Pariser Gericht eine Klage gegen Gérald Marie eingereicht, den früheren europäischen Leiter von Elite Model Management. Sie wirft ihm vor, sie im Jahr 1986, als sie erst 17 Jahre alt war, mehrfach vergewaltigt und sie in Menschenhandel verwickelt zu haben.
Otis, heute 58 Jahre alt, wurde in den 1980er und 1990er Jahren international bekannt und erschien auf den Titelseiten renommierter Modezeitschriften wie Elle, Vogue und Vanity Fair. Sie berichtet, dass sie damals von Elite Model Management nach Paris geschickt wurde und zunächst glaubte, Marie wolle ihre Karriere fördern. Stattdessen sei sie Opfer schwerwiegenden Missbrauchs geworden.
Gérald Marie, 76 Jahre alt, leitete von 1985 bis 2010 die europäische Abteilung von Elite Model Management. Unter seiner Führung entwickelte sich die Agentur zu einer bedeutenden Plattform für zahlreiche Supermodels. Marie hat alle Vorwürfe bisher bestritten. Aufgrund der gesetzlichen Verjährungsfristen in Frankreich ist eine strafrechtliche Verfolgung in diesem Fall allerdings nicht möglich.
Der Anwalt von Carré Otis, Mathias Darmon, betont, dass die eingereichte Klage vor allem dazu dienen soll, weitere potenzielle Opfer zu ermutigen, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen. Auch wenn der konkrete Fall verjährt ist, könnten andere Frauen unabhängig von der Verjährung ähnliche rechtliche Schritte einleiten.
Bereits im Jahr 2021 hatten Otis und mehrere andere ehemalige Models gemeinsam eine Klage eingereicht, die jedoch wegen Verjährung abgewiesen wurde. Französisches Recht sieht vor, dass Opfer sexuellen Missbrauchs, die zum Zeitpunkt der Tat minderjährig waren, bis zu 30 Jahre nach Erreichen der Volljährigkeit Anzeige erstatten können.
Otis macht deutlich, dass sie mit ihrer Klage ein gesamtes System sexuellen Missbrauchs in der Modebranche anprangern möchte, das über Jahre hinweg bestand und gedeckt wurde. Sie zieht dabei Parallelen zu Fällen wie dem des US-Finanzierers Jeffrey Epstein und setzt große Hoffnungen darauf, dass ihre Schritte weitere Betroffene ermutigen.
Die Modeindustrie steht seit Jahren unter wachsendem Druck, sexuelle Übergriffe aufzuklären und Missbrauchsfälle aufzudecken. Otis’ Klage könnte einen weiteren Anstoß geben, um mehr Gerechtigkeit für Betroffene zu schaffen und das öffentliche Bewusstsein für diese Missstände zu erhöhen.
Im Februar 2023 wurden die Ermittlungen gegen Gérald Marie eingestellt, da die Frist für eine strafrechtliche Verfolgung abgelaufen war. Dennoch bleibt diese juristische Auseinandersetzung ein wichtiger Beitrag zur Debatte über Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt in der Branche, deren Aufarbeitung weiterhin hohe Priorität genießt.