Mehr als ein Jahrhundert nach seiner gewaltsamen Aneignung kehrt ein zentrales Symbol westafrikanischer Kultur an seinen Ursprungsort zurück. Frankreich hat den sogenannten „Tambour parleur“ offiziell an die Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste) restituiert. Was vordergründig wie die Rückgabe eines einzelnen Museumsobjekts erscheinen mag, ist in Wahrheit Ausdruck eines tiefgreifenden Wandels in der europäischen Erinnerungspolitik – und Teil einer Neuvermessung der Beziehungen zwischen ehemaligen Kolonialmächten und afrikanischen Staaten.
Ein koloniales Beutestück
Die Geschichte der Trommel führt zurück in das Jahr 1916. Während des Ersten Weltkriegs befand sich das damalige Französisch-Westafrika unter straffer kolonialer Kontrolle. In dieser Phase kam es wiederholt zu militärischen Strafexpeditionen gegen lokale Widerstandsgruppen, die sich gegen Zwangsrekrutierungen und Steuererhebungen auflehnten. Im Zuge einer solchen Operation wurde der „Tambour parleur“ beschlagnahmt und nach Frankreich verbracht.
Solche Aneignungen waren kein Einzelfall, sondern systematischer Bestandteil kolonialer Machtausübung. Kulturobjekte galten als Trophäen, als Beweise imperialer Überlegenheit oder als wissenschaftliche Sammlungsstücke für ethnologische Museen. Der ivorische Tambour gelangte schließlich in französische Staatssammlungen und wurde zuletzt im Pariser Musée du quai Branly – Jacques Chirac aufbewahrt – einer Institution, die zehntausende Objekte aus Afrika, Asien, Ozeanien und Amerika beherbergt.
Über Jahrzehnte wurde das Instrument museal präsentiert, losgelöst von seinem politischen und sozialen Kontext. Seine ursprüngliche Funktion als Kommunikationsmedium geriet in den Hintergrund; übrig blieb ein ästhetisiertes Exponat in einer Vitrine.
Die sprechende Trommel als politisches Instrument
Der „Tambour parleur“ ist jedoch weit mehr als ein Musikinstrument. In vielen westafrikanischen Gesellschaften dient die sprechende Trommel als Medium politischer Kommunikation. Durch variable Spannung der Trommelfelle können unterschiedliche Tonhöhen erzeugt werden, die den tonalen Mustern lokaler Sprachen entsprechen. So lassen sich komplexe Botschaften über weite Distanzen übermitteln – von der Einberufung einer Versammlung bis zur Warnung vor Gefahren.
Das nun restitutierte Exemplar stammt aus der Region um Abidjan und wird der Volksgruppe der Ébrié (Atchan) zugeschrieben. In der vorkolonialen Ordnung hatte es eine zentrale Funktion bei offiziellen Anlässen. Der Trommelschlag verkündete Entscheidungen traditioneller Autoritäten und symbolisierte politische Legitimität. Seine gewaltsame Aneignung war damit nicht nur ein materieller Verlust, sondern ein gezielter Eingriff in die symbolische Ordnung der Gemeinschaft.
Dass die Trommel nun zurückkehrt, wird in Abidjan als Akt historischer Anerkennung verstanden. Die ivorische Regierung spricht von einer Wiederherstellung kultureller Würde. In einem Land, das seit der Unabhängigkeit 1960 wiederholt politische Krisen, Militärinterventionen und Bürgerkriege erlebt hat, kommt solchen symbolischen Akten eine identitätsstiftende Bedeutung zu.
Frankreichs Kurswechsel in der Restitutionspolitik
Die Rückgabe des Tambours ist kein isolierter Vorgang, sondern Teil einer breiteren Neuorientierung in Frankreichs Kulturpolitik. Einen entscheidenden Impuls setzte 2017 eine Rede von Präsident Emmanuel Macron in Ouagadougou. Dort erklärte er, afrikanisches Kulturerbe dürfe nicht dauerhaft in europäischen Sammlungen verbleiben, wenn es unter kolonialen Bedingungen erworben worden sei. Innerhalb von fünf Jahren sollten die Voraussetzungen für temporäre oder definitive Restitutionen geschaffen werden.
In der Folge entstand ein grundlegender Bericht, verfasst von der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und dem senegalesischen Ökonomen Felwine Sarr. Der sogenannte Sarr-Savoy-Bericht von 2018 empfahl weitreichende Rückgaben, sofern Objekte nachweislich unter Zwang oder Gewalt entzogen worden waren. Die Publikation löste eine intensive Debatte aus – nicht nur in Frankreich, sondern europaweit.
Rechtlich gestaltet sich die Umsetzung allerdings komplex. Französische Staatssammlungen gelten traditionell als „inaliénable“, also unveräußerlich. Jede Rückgabe erfordert daher ein spezielles Gesetz. Bereits 2021 verabschiedete das Parlament ein entsprechendes Gesetz zur Restitution von 26 Kunstwerken an Benin. Auch im Fall des ivorischen Tambours war ein legislativer Schritt notwendig.
Symbolik und strukturelle Fragen
Kritiker bemängeln, die französische Restitutionspraxis bleibe bislang punktuell. Angesichts von rund 70.000 Objekten aus Subsahara-Afrika allein im Musée du quai Branly erscheine die Rückgabe einzelner Stücke eher symbolisch als systemisch. Tatsächlich sind die administrativen Hürden beträchtlich, ebenso wie die diplomatischen Abstimmungen mit Herkunftsstaaten.
Befürworter halten dem entgegen, dass jeder Einzelfall einen Präzedenzwert besitzt. Restitution sei kein rein logistischer Akt, sondern berühre Fragen von Eigentumsrecht, historischer Verantwortung und internationaler Kooperation. Zudem gehe es nicht ausschließlich um physische Rückgaben, sondern um eine neue Form der Zusammenarbeit: gemeinsame Provenienzforschung, Ausbildungsprogramme für Kuratoren, langfristige Leihverträge.
Für die Côte d’Ivoire könnte der „Tambour parleur“ ein Auftakt sein. Weitere Objekte mit ivorischem Kontext befinden sich in französischen Sammlungen. Abidjan hat signalisiert, dass eine systematische Aufarbeitung gewünscht ist – ein Prozess, der diplomatisches Geschick und institutionelle Kapazitäten erfordert.
Ein neuer institutioneller Rahmen in Abidjan
Die Frage nach dem künftigen Aufbewahrungsort ist nicht trivial. Geplant ist, die Trommel im nationalen Museum in Abidjan auszustellen, möglicherweise im Musée des Civilisations de Côte d’Ivoire. Dort soll sie nicht lediglich als historisches Artefakt präsentiert werden, sondern als Teil lebendiger Erinnerungskultur.
Die Herausforderung besteht darin, eine erneute Entkontextualisierung zu vermeiden. Einige Stimmen plädieren dafür, traditionelle Autoritäten und lokale Gemeinschaften stärker in kuratorische Entscheidungen einzubeziehen. Restitution erschöpft sich nicht in der physischen Rückgabe; sie verlangt auch eine Auseinandersetzung mit der Frage, wem kulturelles Erbe gehört und wer darüber verfügen darf.
In diesem Sinne wird der „Tambour parleur“ zu einem Prüfstein für eine partnerschaftliche Kulturpolitik. Er zwingt dazu, über Eigentum hinaus über Verantwortung nachzudenken.
Der symbolische Gehalt dieser Rückgabe reicht über die bilateralen Beziehungen hinaus. Er berührt die Grundfrage, wie europäische Gesellschaften mit ihrem kolonialen Erbe umgehen wollen. Die Debatte ist dabei keineswegs abgeschlossen. Sie oszilliert zwischen juristischen Detailfragen und moralischen Grundsatzüberlegungen. Doch mit jeder Rückgabe verschiebt sich der normative Rahmen: Was lange als legitimer Bestandteil nationaler Sammlungen galt, wird neu bewertet.
Der Trommelschlag, der einst politische Entscheidungen in einem ivorischen Dorf verkündete, hallt heute auf internationaler Bühne nach. Er erinnert daran, dass historische Gewalt nicht im Archiv verschwindet, sondern fortwirkt – in Institutionen, in Rechtsordnungen, in kulturellen Selbstverständnissen. Die Restitution des „Tambour parleur“ ist kein Schlussstrich unter die koloniale Vergangenheit. Sie ist vielmehr ein Signal, dass Geschichte verhandelbar bleibt – und dass politische Verantwortung auch mehr als hundert Jahre später noch wirksam werden kann.
P.T.