Die Nachtverbindung von Paris nach Berlin – ein romantischer Klassiker, ein Versprechen klimafreundlicher Mobilität, ein Symbol der europäischen Nähe. Und nun bald Geschichte?
Ab dem 14. Dezember 2025 sollen die Nachtzüge Paris–Berlin und Paris–Wien eingestellt werden. Eine Nachricht, die nicht nur Eisenbahnfans elektrisiert. In Straßburg, dem Herzen Europas, kocht die Empörung über. Bürgermeisterin Jeanne Barseghian spricht von einem „unverständlichen“ Schritt – und von einer glasklaren politischen Entscheidung.
Von wegen Aufbruch – wie die Nachtzüge überhaupt erst zurückkamen
Man hatte sich gerade an sie gewöhnt. Die Nachtzüge galten jahrelang als Relikt aus alten Tagen – zu teuer, zu langsam, zu unbequem. Doch dann kam das Comeback: Paris–Wien fuhr seit Ende 2021 wieder, Paris–Berlin zog Ende 2023 nach. Unter dem Label „Nightjet“, gemeinsam betrieben von der ÖBB, der Deutschen Bahn und der SNCF.
Die Idee: Ein umweltfreundliches, grenzüberschreitendes Angebot, als echte Alternative zum Kurzstreckenflug. Die Realität: Die Züge fuhren nur drei Mal pro Woche, wurden auf französischer Seite schlecht vermarktet – und rechneten sich wirtschaftlich kaum.
Was nun zum Bruch führte: Der französische Staat will ab 2026 nicht mehr zahlen. Ohne diese Unterstützung, so die Bahnunternehmen, lassen sich die Nachtverbindungen nicht kostendeckend betreiben.
Kritik auf allen Gleisen
Kaum war die Nachricht öffentlich, da rollten die Diskussionen an. Die Argumente?
Erstens: Die versprochene tägliche Verbindung kam nie zustande.
Zweitens: Die SNCF bot die Tickets kaum über ihre regulären Verkaufskanäle an – wer nicht gezielt danach suchte, fand sie nicht.
Drittens: Nachtzüge sind teuer im Betrieb – lange Standzeiten, teure Schlafkabinen, hoher Personalaufwand.
Und viertens: Der finanzielle Gegenwind aus Paris trifft ein ohnehin fragiles System. Viele werfen der Regierung ein klimapolitisch widersprüchliches Verhalten vor: Während das Fliegen durch Steuervergünstigungen begünstigt wird (Stichwort Kerosinsteuer, reduzierte Mehrwertsteuer), bleibt der Bahn der Rückhalt versagt.
Straßburg protestiert – mit Rückenwind aus dem Ratssaal
Straßburg zögerte nicht lange. Der Stadtrat verabschiedete am 29. September 2025 einstimmig eine Protestresolution. Der Tenor: Die Nachtverbindungen seien unverzichtbar – für das Selbstverständnis der Stadt, für ihre Rolle als europäische Hauptstadt, für eine nachhaltige grenzüberschreitende Mobilität.
Jeanne Barseghian, grüne Bürgermeisterin, spricht Klartext: Das sei kein rein wirtschaftlicher, sondern ein politischer Akt. In offiziellen Dokumenten und öffentlichen Auftritten kritisiert sie, dass eine „entscheidende Verbindung Europas“ geopfert werde – ausgerechnet zu einer Zeit, in der klimafreundliche Verkehrsangebote dringend gebraucht würden.
Die Forderungen? Ein täglicher Fahrplan. Ein ernsthaftes Verkaufs- und Werbekonzept durch die SNCF. Und vor allem: eine dauerhafte, staatlich abgesicherte Finanzierung.
Denn die Abschaffung der Nachtzüge betrifft nicht nur Paris, Berlin oder Wien – sie trifft den ganzen Osten Frankreichs. Und sie trifft Europa ins Herz.
Pyjama-Protest und politische Grenzen
Der Widerstand wächst: Online-Petitionen, symbolische Protestaktionen – wie zuletzt eine „Pyjama-Party“ im Bahnhof Paris-Est. Auch Abgeordnete aus dem Elsass machen mobil, richten Anfragen an das Verkehrsministerium, suchen die Öffentlichkeit.
Und trotzdem: Der Zug droht aufs Abstellgleis zu rollen.
Denn vier gewichtige Bremsklötze liegen auf den Gleisen:
- Haushaltszwänge: Die geplante Streichung ist Teil des Sparprogramms. Und bislang gibt es keine Hinweise, dass Paris diese Entscheidung revidieren könnte.
- Wirtschaftliche Fragilität: Selbst mit gutem Willen bleiben Nachtzüge ein Zuschussgeschäft – zumindest, solange das System nicht grundlegend reformiert wird.
- Zersplitterte Zuständigkeiten: SNCF, DB, ÖBB, Staat – jeder spielt eine Rolle, jeder könnte mehr tun, keiner will allein die Verantwortung tragen.
- EU-Regeln zu Staatshilfen: Öffentliche Gelder für internationale Bahnlinien? In Brüssel ein heikles Thema, streng reglementiert.
Was bleibt?
Die Debatte zeigt vor allem eines: Wie schwer es ist, umweltpolitische Versprechen in die Praxis zu übersetzen, wenn wirtschaftliche Argumente dominieren. Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie ökologische Ziele in der Realpolitik versanden – und wie lokale Akteure dagegen ankämpfen.
Aber es wäre zu einfach, alles auf „die da oben“ zu schieben. Auch die Bahnunternehmen müssen sich fragen lassen, ob sie genug getan haben, um die Nachtzüge attraktiv zu machen – in Preis, Komfort, Sichtbarkeit.
Ob der Protest aus Straßburg den nötigen Druck erzeugen kann? Fraglich. Aber das Signal ist eindeutig: Europa im Nachtzug – das ist mehr als eine romantische Idee. Es ist ein Stück gelebter Klimapolitik. Oder es wäre es zumindest.
Autor: C.H.