Wer durch Frankreich reisen will und glaubt, er kenne schon jede idyllische Ecke – der sollte unbedingt den Canal du Nivernais entdecken. Diese 174 Kilometer lange Wasserstraße zwischen Auxerre und Decize wirkt wie ein vergessenes Märchen aus der Zeit, als das Leben noch im Einklang mit Fluss, Wald und Wind stattfand.
Hier, im Herzen Burgunds, schlängelt sich der Kanal durch dichte Wälder, an mittelalterlichen Dörfern vorbei und unter alten Brücken hindurch – und zaubert dabei eine Atmosphäre, in der sich Natur, Kultur und Technik wie alte Freunde begegnen.
Aber was macht dieses Fleckchen Erde so besonders?
Vom Holztransport zum Paradies für Entdecker
Alles begann Ende des 18. Jahrhunderts: Zwischen 1784 und 1843 wurde der Kanal erbaut, um Holz aus den tiefen Wäldern des Morvan nach Paris zu transportieren. Damals war das eine logistische Meisterleistung – heute kann man sich kaum vorstellen, wie viele Menschen daran beteiligt waren, 112 Schleusen zu bauen, drei Tunnel durch Gestein zu treiben und den Flussverlauf zu zähmen.
Der Tunnel von La Collancelle ist mit seinen 758 Metern ein echtes Highlight – nicht nur für Technikfans. Wer dort durchgleitet, spürt Geschichte und genießt gleichzeitig das Echo der Stille. Fast wie ein unterirdischer Flüstergang.
Die „kleine Amazonie“ mitten in Frankreich
Und dann ist da dieses eine Teilstück zwischen dem Étang de Baye und Port-Brûlé – ein Naturwunder, das Reisende mit offenen Mündern zurücklässt. Die dichte, üppige Vegetation an den Ufern ist so tropisch, dass man sich beinahe in den Amazonas versetzt fühlt. Daher auch der charmante Spitzname: „Petite Amazonie“.
Hier paddelt man durch einen grünen Tunnel, begleitet vom Zwitschern der Vögel, dem Plätschern der Ruder – und manchmal nur vom eigenen Atem. Wer braucht da noch einen Langstreckenflug?
Für Landratten, Kapitäne und Pedalritter
Du willst nicht aufs Wasser? Kein Problem! Parallel zum Kanal verläuft eine perfekt ausgebaute Veloroute über 183 Kilometer – wie gemacht für Radfahrer und Wanderer, die das gemächliche Tempo schätzen. Die Strecke ist autofrei, sicher und angenehm flach. Ideal also auch für Familien oder entspannte Tagestouren.
Unterwegs begegnet man charmanten Dörfern, friedlichen Kuhweiden, wilden Uferblumen – und immer wieder Einheimischen, die freundlich grüßen oder zum Plausch einladen. Der Weg ist das Ziel? Hier stimmt das ausnahmsweise mal wirklich.
Ein bisschen Kultur, bitte!
Das Schöne am Canal du Nivernais: Die Natur begeistert, aber das Kulturerbe steht dem in nichts nach. Orte wie Clamecy, Tannay oder Châtillon-en-Bazois erzählen Geschichten aus alten Zeiten – mit romanischen Kirchen, mittelalterlichen Häusern und lauschigen Schlossgärten.
In Clamecy wird die „Fête du Flottage“ gefeiert, ein Fest, das an die Zeit erinnert, als die Holzflößer das Leben am Kanal bestimmten. Musik, Marktstände, Tanz – das ist französisches Savoir-vivre in Reinform. Und gleichzeitig eine Hommage an die Vergangenheit.
Aufs Boot – auch ohne Bootsführerschein
Das Beste? Man braucht keinen Bootsführerschein, um auf dem Kanal in See zu stechen. Elektrische Hausboote gibt’s zum Mieten – für einen Tag oder eine ganze Woche. Einfach einsteigen, Schleusen lernen (das geht schnell!) und los geht’s.
Viele Anbieter bieten sogar thematische Touren an: etwa mit Weinverkostungen, Käseproben oder historischen Führungen. Eine genussvolle Kombination – und definitiv kein „Urlaub von der Stange“.
Kulinarische Schätze zwischen Wasser und Weinberg
Wer in Burgund unterwegs ist, kann sich kulinarisch sowieso zurücklehnen – oder besser gesagt: vorfreuen. Entlang des Kanals locken urige Bistros, feine Landgasthöfe und kleine Winzereien mit Spezialitäten der Region.
Ein Crottin de Chavignol zum Beispiel – dieser kleine, gereifte Ziegenkäse – schmeckt doppelt gut nach einem Tag auf dem Rad. Oder ein Glas Pinot Noir aus Tannay, genossen mit Blick auf das Wasser. Wenn’s dann noch einen Cassis zum Dessert gibt, ist das Glück komplett.
Warum eigentlich nicht morgen schon los?
Die Mischung aus entschleunigtem Reisen, beeindruckender Natur, kulturellem Reichtum und kulinarischen Leckerbissen macht den Canal du Nivernais zu einem echten Geheimtipp. Ideal für alle, die Frankreich neu entdecken wollen – abseits vom Trubel, nah dran an den kleinen Wundern des Alltags.
Muss man dafür weit reisen oder viel planen? Nicht wirklich. Alles ist machbar, alles ist nah – und genau das macht diesen Ort so besonders.
Also – wie wär’s mit einer Reise in die „kleine Amazonie“ Frankreichs?
Ein Reisebericht von V.O.Yager