Ein Weg, der mehr als ein Ziel ist
364 Kilometer, 238 Schleusen und ein Streckenverlauf, der sich quer durch die Bretagne zieht – das klingt nicht nur nach einer logistischen Meisterleistung des 19. Jahrhunderts, das ist es auch. Der Kanal von Nantes nach Brest durchquert gleich fünf Départements und verbindet dabei nicht nur Städte, sondern ganze Lebensgefühle.
Vom ersten Moment an strahlt der Kanal etwas Beruhigendes aus. Keine Hektik, kein Verkehrslärm – nur das gleichmäßige Rauschen des Wassers, das Klackern der Schleusentore und das Zwitschern der Vögel. Ob zu Fuß, mit dem Rad oder dem Boot – dieser Kanal erzählt Geschichten. Alte, neue und solche, die man sich unterwegs selbst ausdenkt.
Von Stadt zu Stadt, Schleuse für Schleuse
Los geht’s nahe Nantes, wo urbane Lebendigkeit und ländlicher Charme noch eng beieinander wohnen. Bereits die ersten Kilometer führen durch grüne Uferlandschaften, vorbei an verlassenen Schleusenhäuschen und kleinen Gärten, in denen Sonnenblumen wetteifern, wer am höchsten hinaus will.
Redon ist der erste Ort, der den Puls spürbar erhöht – eine charmante Kleinstadt mit alten Speicherhäusern, Brücken und dem unverwechselbaren Duft von Boulangerien am Morgen. Der Kanal verläuft direkt durch das Zentrum – wie ein natürlicher Boulevard.
Dann Josselin – mit seinem imposanten Schloss, das über dem Wasser thront wie ein Gemälde aus einer anderen Zeit. Man meint fast, Ritter und Hofdamen könnten gleich über die Brücke reiten. Der Ort ist klein, aber voller Details: geschnitzte Fachwerkhäuser, urige Cafés, Fahrräder an Geländern, Boote an Leinen.
Zwischen Rohan und Pontivy schlängelt sich der Kanal durch tiefgrüne Täler. Pontivy selbst? Ein echter Knotenpunkt. Früher militärisch geprägt, heute ein Ort, an dem sich Kanalliebe, Radwege und regionale Küche die Hand geben. Wer hier pausiert, bleibt oft länger als geplant.
Weiter westlich wird’s wilder: Carhaix, Châteauneuf-du-Faou, dann Châteaulin – hier wird der Kanal zunehmend zur Bühne für spektakuläre Naturbilder. Dichte Wälder, steile Uferhänge, historische Aquädukte – das Tempo wird langsamer, der Blick weiter.
Kulturgut mit Tiefgang
Der Kanal entstand in napoleonischer Zeit – als Antwort auf die britische Seeblockade. Man wollte nicht nur transportieren, sondern verteidigen. Arbeiter, Kriegsgefangene, Strafgefangene – sie alle haben diesen Wasserweg gegraben, Schleuse für Schleuse, oft unter widrigsten Bedingungen.
Besonders eindrücklich: die „Tranchée des Bagnards“ bei Glomel – ein fast drei Kilometer langer Einschnitt, von Hand in den Fels geschlagen. Wer davor steht, ahnt, welche Kraft hier nötig war. Und plötzlich bekommt der Ausdruck “mit Händen erbaut” ein ganz anderes Gewicht.
Heute ist der Kanal kein Verkehrsweg mehr – er wurde zum Ort der Begegnung, des Lernens, des Genießens. Museen, Kunstinstallationen, Märkte und Festivals – entlang der Strecke pulsiert das kulturelle Leben auf eine ganz eigene, entschleunigte Art.
Kulinarik mit Aussicht
Wer in der Bretagne unterwegs ist, kommt um Galettes, Cidre und Meeresfrüchte kaum herum – zum Glück. Doch entlang des Kanals locken auch ganz andere Genüsse: Forelle aus dem Fluss, Ziegenkäse aus kleinen Höfen, frisches Gemüse von den Feldern der Umgebung.
In Josselin sitzt man auf der Terrasse mit Blick aufs Schloss und genießt bretonische Crêpes mit gesalzener Butter. In Pontivy bringt ein unscheinbares Bistro fangfrischen Zander auf den Teller – simpel, ehrlich, köstlich.
Und dann sind da noch diese Momente am Abend, wenn man in einer kleinen Herberge mit Blick auf den stillen Kanal sitzt, das Glas hebt – und sich fragt, warum man das nicht öfter macht.
Unterwegs auf drei Wegen
Zu Fuß
Ideal für alle, die Zeit haben. Der ehemalige Treidelpfad begleitet den Kanal auf ganzer Länge. Mal geht’s durch Wälder, mal über Wiesen, mal durch Dörfer. Wer den kompletten Kanal erwandern möchte, sollte etwa drei Wochen einplanen. Kürzere Etappen eignen sich perfekt für Wochenendtrips – besonders rund um Guerlédan, wo sich die Natur von ihrer wildromantischen Seite zeigt.
Mit dem Fahrrad
Der Kanal ist Teil der Vélodyssée – einem der längsten Radwege Europas. Der Streckenverlauf ist eben, gut ausgeschildert und verläuft oft fernab von Straßenverkehr. Wer will, kann von Nantes bis Châteaulin durchradeln. Wer es gemütlicher angeht, teilt sich die Strecke auf fünf bis sieben Tage auf. Fahrradverleihe, Unterkünfte mit Radservice und charmante Picknickplätze gibt’s reichlich.
Mit dem Boot
Ein echtes Highlight: den Kanal vom Wasser aus erleben. Pénichettes oder kleine Elektrokähne lassen sich unkompliziert mieten. Besonders zwischen Redon und Pontivy sind viele Schleusen noch in Betrieb – das eigene Boot durch eine Schleuse zu manövrieren ist überraschend meditativ. Dazu die ständige Nähe zur Natur, das langsame Vorankommen – das ist Entspannung mit Erlebnisgarantie.
Drei Tour-Ideen für jedes Zeitbudget
- Wochenend-Trip: Redon bis La Gacilly – viel Kultur, kurze Distanzen, idyllische Dörfer.
- Kurze Radtour: Blain bis Josselin – rund 100 Kilometer mit Übernachtung am Kanal.
- Eine Woche auf dem Wasser: Mit dem Boot von Glénac bis Pontivy – Schleusenromantik inklusive.
Und warum das alles?
Weil der Kanal nicht nur eine Wasserstraße ist. Er ist ein lebendiges Denkmal, eine Bühne für Geschichten, ein grünes Band durch die Seele der Bretagne.
Wer hier unterwegs ist, spürt, was echte Entschleunigung bedeutet. Kein Stress, keine ständige Reizüberflutung – nur Bewegung im eigenen Rhythmus, umgeben von Wasser, Natur und Geschichte.
Also, warum nicht einfach mal loslaufen, losradeln oder lossegeln? Und dabei entdecken, wie schön es sein kann, wenn der Weg das Ziel ist.
Ein Reisebericht von V.O.Yager