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Nachrichten.fr · February 17, 2026

Mit dem Zug ins Wunderland – Unterwegs im Train des Merveilles

Einsteigen, zurücklehnen, staunen.

Zwischen Mittelmeer und Hochalpen verläuft eine Bahnstrecke, die mehr erzählt als jeder Reiseführer. Der Train des Merveilles verbindet Nizza mit Tende – und schlägt dabei ein Kapitel europäischer Geschichte auf, das zwischen Felsen, Tunneln und Brücken verborgen liegt. In gut zwei Stunden entfaltet sich eine Reise, die sich nicht wie Transport anfühlt, sondern wie ein langsames Eintauchen in eine andere Welt.

Bereit für einen Perspektivwechsel?

Überblick: Vom Azurblau ins Felsgrau

Der Startpunkt wirkt vertraut. Nizza pulsiert, Palmen säumen die Boulevards, der Duft von Meer und Espresso liegt in der Luft. Am Bahnhof herrscht geschäftiges Treiben, Rollkoffer klackern über Steinplatten, irgendwo lacht jemand. Nichts deutet darauf hin, dass wenige Minuten später eine alpine Dramaturgie beginnt.

Der Zug setzt sich in Bewegung, gleitet vorbei an Vororten, verschwindet zwischen Hügeln.

Und plötzlich ändert sich alles.

Die Küstenlinie bleibt zurück, das Licht wirkt klarer, schroffer. Die Strecke windet sich ins Hinterland, steigt stetig an. Über 80 Tunnel durchbohren das Gestein, Viadukte spannen sich kühn über Schluchten. Ende des 19. Jahrhunderts begann der Bau dieser Linie, 1928 erhielt sie ihre heutige Form. Ingenieure trotzten der wilden Topografie der Südalpen – mit Pickel, Dynamit und einer gehörigen Portion Mut.

Man spürt förmlich, wie sich der Charakter der Landschaft wandelt. Mediterrane Leichtigkeit weicht alpiner Ernsthaftigkeit. Die Vegetation wird dichter, dann karger. Ein Fluss taucht auf, verschwindet wieder. Jede Kurve eröffnet ein neues Panorama.

Ist das noch Frankreich – oder schon Italien?

Sehenswert entlang der Strecke

Breil-sur-Roya – Dorf im Flussbogen

Nach etwa einer Stunde erscheint Breil-sur-Roya wie eine Miniaturkulisse. Das Dorf schmiegt sich an eine Flussschleife der Roya, pastellfarbene Häuser spiegeln sich im Wasser. Einst gehörte dieser Ort zu Italien, erst 1947 wechselte er offiziell die Staatszugehörigkeit. Diese Vergangenheit hallt bis heute nach – in Familiennamen, Dialekten, Rezepten.

Ein kurzer Spaziergang vom Bahnhof führt über eine kleine Brücke ins Zentrum. Enge Gassen, schattige Plätze, eine Kirche mit barocken Elementen. Hier scheint die Zeit langsamer zu ticken. Man grüßt sich, man kennt sich.

Und man erzählt gern Geschichten.

Saorge – Das schwebende Dorf

Weiter nördlich thront Saorge spektakulär am Hang. Vom Zug aus wirkt es, als habe jemand ein Dorf an die Felswand geklebt. Terrassenförmig steigen die Häuser empor, übereinander, nebeneinander, ineinander verschachtelt.

Der Weg vom Bahnhof ins Dorf führt steil bergauf – festes Schuhwerk lohnt sich. Oben angekommen öffnet sich ein Labyrinth aus Treppen und Bögen. Im 17. Jahrhundert entstand hier ein bedeutendes Franziskanerkloster, das noch heute besucht werden kann. Die Lage bot Schutz und strategischen Vorteil, denn diese Region war jahrhundertelang Grenzgebiet zwischen Savoyen und Frankreich.

Saorge wirkt entrückt.

Fast surreal.

Tende – Alpenort mit piemontesischem Herz

Am Ende der Strecke wartet Tende. Kopfsteinpflaster, ockerfarbene Fassaden, alte Befestigungsanlagen. Die italienische Grenze liegt nur wenige Kilometer entfernt, und das merkt man sofort. Die Architektur erinnert an piemontesische Städte, die Atmosphäre wirkt zugleich alpin und mediterran.

Ein Spaziergang vom Bahnhof führt durch schmale Gassen hinauf zur Collegiale Notre Dame de l’Assomption – ein barockes Juwel mit kunstvoller Fassade. Hoch über dem Ort erhebt sich das Fort Central, Teil eines Verteidigungssystems aus dem 19. Jahrhundert. Von dort oben reicht der Blick weit über Täler und Gipfel.

Hier endet die Linie – aber nicht das Staunen.

Vallée de la Roya – Naturgewalt und Lebensader

Die Roya prägt die gesamte Region. Tief eingeschnitten frisst sich das Tal durch das Gebirge, begleitet von der Bahnlinie wie von einem treuen Schatten. Immer wieder kreuzt der Zug den Fluss, mal hoch oben auf Brücken, mal dicht am Ufer.

Im Oktober 2020 verwüstete Sturm Alex das Tal. Erdrutsche, zerstörte Häuser, unterbrochene Verkehrswege. Auch die Bahnlinie erlitt schwere Schäden. Der Wiederaufbau bedeutete für die Menschen hier weit mehr als Infrastruktur – er symbolisierte Zusammenhalt. Ohne diese Verbindung drohte Isolation.

Die Rückkehr des Zuges fühlte sich an wie ein Aufatmen.

Vallée des Merveilles – Steinernes Gedächtnis

Der Name des Zuges verweist auf die Vallée des Merveilles im Mercantour. Hoch oben im Gebirge verbergen sich zehntausende prähistorische Felsgravuren aus der Bronzezeit. Figuren, Tiere, Symbole – eingeritzt in Stein, über Jahrtausende bewahrt.

Diese Region galt nie als leer oder bedeutungslos. Schon frühe Kulturen durchquerten diese Pässe, hinterließen Spuren. Der Zug fährt zwar nicht direkt zu den Gravuren, doch er bringt Reisende näher an dieses archäologische Schatzgebiet heran.

Geschichte liegt hier buchstäblich unter den Füßen.

Kulturelle Highlights – Zwischen Frankreich und Italien

Die Grenzlage prägt Mentalität und Alltag. Bis 1947 gehörten Tende, Breil-sur-Roya und Saorge offiziell zu Italien. Nach dem Zweiten Weltkrieg entschied ein Referendum über die neue Zugehörigkeit. Viele Familien lebten plötzlich in einem anderen Staat – ohne umzuziehen.

Diese doppelte Identität spiegelt sich im Dialekt wider. Man hört französische und italienische Klänge in einem Satz. Straßennamen klingen vertraut und fremd zugleich. Kirchliche Feste verbinden barocke Pracht mit alpiner Bodenständigkeit.

Besonders sehenswert: die barocken Kirchen in Tende und Saorge, reich geschmückt, mit vergoldeten Altären und kunstvollen Fresken. Sie erzählen vom Einfluss italienischer Baumeister und vom Wohlstand vergangener Handelszeiten.

Und dann sind da die kleinen Dinge.

Ein Gespräch auf dem Dorfplatz.

Ein Lächeln beim Bäcker.

Ein „Ciao“ statt „Bonjour“.

Kulinarische Highlights – Herzhaft, ehrlich, überraschend

Wer denkt bei den Alpen an mediterrane Küche? Hier verschmelzen Einflüsse. Ravioli gefüllt mit Kräutern aus den Bergen, dazu ein Glas Rotwein aus dem Piemont. Socca aus Kichererbsenmehl erinnert an die Küste, während Wildgerichte und Polenta alpine Tradition widerspiegeln.

In Breil-sur-Roya empfiehlt sich ein Halt in einem kleinen Bistro nahe dem Fluss. Hausgemachte Pasta, kräftige Brühen, dazu ein Dessert mit Kastanien – bodenständig und raffiniert zugleich.

Und mal ehrlich: Gibt es etwas Besseres, als nach einer Zugfahrt in klarer Bergluft eine dampfende Schüssel Pasta vor sich zu sehen?

Eben.

Der Luxus der Langsamkeit

Der Train des Merveilles jagt keinen Geschwindigkeitsrekorden hinterher. Er nimmt sich Zeit. Und genau darin liegt sein Reiz. Während Hochgeschwindigkeitszüge Metropolen verbinden, verknüpft diese Linie Randgebiete. Sie erschließt keine Wirtschaftsachsen, sondern Lebensräume.

Man blickt aus dem Fenster, lässt Gedanken treiben. Kein WLAN, keine Hektik – einfach nur Landschaft. Tunnel folgen auf Brücken, Licht auf Schatten. Die Strecke wirkt wie eine Erzählung in Kapiteln.

Wer sich darauf einlässt, entdeckt mehr als nur Ausblicke. Man spürt Übergänge – klimatisch, kulturell, emotional.

Und ja, das fühlt sich richtig gut an.

Empfehlungen für Reisende

Ein Platz auf der rechten Seite bietet bei der Fahrt von Nizza nach Tende besonders schöne Perspektiven auf das Roya Tal. Frühmorgens liegt Nebel über dem Fluss, am Nachmittag taucht warmes Licht die Felsen in Goldtöne.

Zeit für Zwischenstopps einplanen lohnt sich. Breil-sur-Roya eignet sich für eine Mittagspause, Saorge für einen ausgedehnten Spaziergang, Tende für eine Übernachtung mit Wanderung im Mercantour Gebiet.

Wanderschuhe einpacken.

Neugier ebenfalls.

Und vielleicht ein kleines Notizbuch – denn diese Reise hinterlässt Eindrücke, die festgehalten werden möchten.

Der Train des Merveilles zeigt, dass Bahnfahren mehr sein kann als Fortbewegung. Er verbindet Küste und Gebirge, Vergangenheit und Gegenwart, Frankreich und Italien. Zwischen Tunnelröhren und Berggipfeln entfaltet sich eine stille Dramatik, die ohne große Worte auskommt.

Man steigt in Nizza ein und kommt in einer anderen Welt an.

So simpel.

So besonders.

Ein Reisebericht von V.O.Yager