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Nachrichten.fr · April 2, 2025

Ostern im Elsass – Wenn Fachwerk und Frühlingsduft verschmelzen

Der erste Sonnenstrahl fällt durchs Fenster, draußen zwitschern Amseln – und plötzlich weiß man: Ostern steht vor der Tür. Wer das Fest einmal anders erleben möchte, der sollte ins Elsass reisen. Diese Region, wo sich französisches Savoir-vivre mit deutscher Gründlichkeit vereint, verwandelt sich im Frühling in ein Märchen aus Blüten, Bräuchen und unvergesslichen Geschmackserlebnissen. Zwischen charmanten Dörfern, blühenden Apfelbäumen und gedeckten Ostertafeln entfaltet sich eine Welt, in der die Zeit stehen geblieben scheint – und das im allerbesten Sinn.


Ein Landstrich wie aus dem Bilderbuch

Man beginnt am besten in Colmar, einer Stadt, die wie geschaffen scheint für Ostern. Die Altstadt – ein Mosaik aus bunten Fachwerkhäusern, Kanälen und Pflastergassen – wirkt wie gemalt. Zur Osterzeit schmückt sich Colmar zusätzlich mit liebevoll gestalteten Osterfiguren, frühlingshaften Blumengestecken und kunstvoll bemalten Eiern. In der Luft liegt der Duft von Zimt, Vanille und frischem Brot – ein Mix, der direkt in die Kindheit zurückführt.

Ein paar Schritte weiter flaniert man über einen der Oster- und Frühlingsmärkte. Zwischen Holzbuden und fröhlichem Stimmengewirr entdeckt man alles, was das Herz höherschlagen lässt: handbemalte Ostereier, Keramik, Hasen aus Filz und natürlich Lamala – den typischen Osterlammkuchen.

Und hat man sich gerade noch gefragt, wie viele Sorten Gugelhupf ein Mensch eigentlich brauchen kann – steht man schon mit drei davon an der Kasse.


Kleine Städte, große Geschichten

Ostern im Elsass bedeutet auch: unterwegs sein. Auf kleinen Landstraßen, vorbei an Weinreben, Hügeln und blühenden Obstgärten. Der Weg nach Eguisheim lohnt sich doppelt. Der Ort, rund gebaut wie eine Schnecke, ist ein echtes Schmuckstück. In den verwinkelten Gassen wetteifern Fachwerkhäuser in Rosa, Gelb und Blau um Aufmerksamkeit, während aus jeder Ecke eine neue Geschichte zu klingen scheint.

Von dort geht es weiter nach Ribeauvillé, wo die Ruinen dreier Burgen auf den Hügeln thronen – als hätten sie sich eigens zum Osterfest fein gemacht. Hier trifft man auf Musiker in Tracht, Kinder mit Weidenkörbchen und Dorfbewohner, die stolz ihre Osterdeko präsentieren. Gibt’s eigentlich einen besseren Ort, um sich dem Frühling hinzugeben?


Alte Bräuche, lebendig wie eh und je

Im Elsass wird Tradition nicht nur bewahrt – sie wird gelebt. Und das ganz besonders zu Ostern. Am Palmsonntag segnet der Pfarrer die „Palmesel“, symbolische Prozessionsfiguren, die oft ein Kind auf einem hölzernen Esel darstellen. In vielen Orten ziehen Kinder in kleinen Umzügen durch die Straßen und tragen bunte Zweige mit Papierblumen.

Auch die „Osterglocken“ gehören zum elsässischen Osterzauber. Der Legende nach fliegen die Kirchenglocken am Gründonnerstag nach Rom – und kehren am Ostersonntag mit Süßigkeiten zurück. In der Zwischenzeit herrscht Stille in den Türmen, was die feierliche Stimmung zusätzlich unterstreicht.

Und dann? Kommt der Oschterhaas! Kein Witz – das Elsass gilt als Ursprungsregion des Osterhasen. Bereits im 17. Jahrhundert erzählte man sich hier, dass ein Hase die bunten Eier bringt. Kinder suchen heute noch aufgeregt in Gärten, Höfen und zwischen Strohballen – und finden manchmal mehr als nur Schokolade: ein Lächeln, das man nie vergisst.


Osterfreuden auf dem Teller

Wer Ostern sagt, muss auch essen sagen. Und da lässt sich das Elsass nicht zweimal bitten. Der Lamala – ein feiner Biskuitkuchen in Lammform – steht in fast jedem Schaufenster. Außen knusprig, innen weich, mit Puderzucker bestäubt und einer Schleife um den Hals – dieses Lamm ist nicht zum Schlachten, sondern zum Verlieben.

Auf dem Ostertisch landen auch deftige Klassiker wie Lammbraten mit Kräuterkruste, Spargel mit Sauce Hollandaise oder der unvermeidbare Flammkuchen – und das bitte im Holzofen gebacken, sonst zählt’s nicht.

Dazu ein Gläschen Riesling oder Gewürztraminer – und die Welt steht kurz still.


Wo Geschichte greifbar wird

Ein Ausflug zur Hohkönigsburg ist Pflicht. Hoch über der Rheinebene gelegen, blickt sie auf Jahrhunderte wechselvoller Geschichte zurück. Zu Ostern finden hier oft Führungen in historischen Kostümen statt – samt Ritterspielen für Kinder und Handwerksvorführungen. Der Ausblick von den Zinnen reicht bis in den Schwarzwald – und manchmal, bei klarem Wetter, scheint sogar das Mittelalter ganz nah.

Ebenso beeindruckend: das Écomusée d’Alsace – ein Dorfmuseum, das mehr ist als Kulisse. Es lebt. Bauernhäuser aus vergangenen Jahrhunderten, Tiere auf den Höfen, Ostervorbereitungen wie anno dazumal. Hier können Kinder Eier bemalen, Körbe flechten oder dem Schmied über die Schulter schauen. Man fragt sich fast: Wieso machen wir das nicht jedes Jahr so?


Ein kleines Fazit? Lieber eine große Einladung!

Ostern im Elsass ist kein Urlaub im klassischen Sinn. Es ist ein Eintauchen in eine Welt voller Herzlichkeit, Duft, Geschmack und Geschichte. Eine Mischung aus kindlicher Freude und tief verwurzeltem Brauchtum. Zwischen Hasen, Hefegebäck und halb vergessenen Legenden wird man selbst wieder ein bisschen Kind – und das ist wohl das Schönste, was ein Osterfest schenken kann.

Ein Reisebericht von V.O.Yager