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Nachrichten.fr · August 29, 2025

Pontarlier – Das versteckte Juwel im Herzen des Jura

Ein bisschen ab vom Schuss, leicht übersehen auf der Landkarte – und genau deshalb so charmant: Pontarlier. Eingebettet in die sanften, waldigen Hügel des Haut-Doubs, schmiegt sich die Stadt auf rund 837 Metern Höhe an die Ausläufer des Juragebirges. Sie zählt zu den höchstgelegenen Städten Frankreichs – und zu den unterschätztesten.

Ein Ort, der nicht schreit, sondern flüstert. Und wer hinhört, entdeckt eine Welt zwischen Geschichte, Genuss und Natur. Klingt kitschig? Wart’s ab.


Zwischen Triumphbogen und Tränenquelle

Pontarlier blickt auf über 2000 Jahre Geschichte zurück. Einst unter dem Namen Ariolica ein Durchgangsort der Römer, entwickelte sich die Stadt im Mittelalter zum emsigen Handelszentrum zwischen dem Mittelmeer und der Nordsee. Doch der Dreißigjährige Krieg ließ sie fast komplett in Schutt und Asche versinken – ein dunkles Kapitel, das heute in Form eleganter Bauwerke überstrahlt wird.

Mitten in der Altstadt begrüßt einen die Porte Saint-Pierre: klassizistisch, würdevoll – gebaut in den 1770ern, als Zeichen des Wiederaufbaus. Wer hindurchschreitet, betritt eine Welt aus Kopfsteinpflaster, Barockfassaden und stillen Innenhöfen.

Ein paar Schritte weiter steht die Église Saint-Bénigne. Außen robust, innen warm und bunt: Die Glasfenster von Alfred Manessier leuchten in Blau, Grün und Rot – sie erzählen von Licht und Hoffnung, mitten im Jura.

Nicht weit entfernt steht die Kapelle der Annonciaden. Ein barockes Schmuckstück, das einst Klosterschwestern beherbergte. Heute? Stiller Ort für Gedanken und Ausblicke über die Dächer der Stadt.

Wer tiefer eintauchen will, besucht das Museum für Kunst und Geschichte. Untergebracht in einem edlen Bürgerhaus aus dem 15. Jahrhundert, zeigt es Artefakte von der Antike bis zur Absinth-Renaissance – aber dazu gleich mehr.


Absinth – die grüne Seele Pontarliers

Die “grüne Fee” gehört hierher wie der Eiffelturm nach Paris. Im frühen 19. Jahrhundert wurde in Pontarlier die erste große Absinth-Destillerie Frankreichs gegründet. Bald dampften über 20 Brennereien vor sich hin – bis 1915 das Verbot kam. Die Gründe? Politisch, medizinisch, ein bisschen auch Panikmache. Fakt ist: Der Zauberstoff wurde verteufelt, zerstört, verdrängt.

Doch heute? Ist der Geist zurück. Und wie! Die Brennereien sind wieder aktiv – mit Führungen, Verkostungen und Geschichten, die nach Anis und Wermut duften. Wer einmal erlebt hat, wie sich ein klarer Tropfen Absinth beim Übergießen mit Wasser milchig-trüb verfärbt, weiß: Hier geschieht Magie im Glas.

Und weil Trinken allein nicht selig macht, sorgt die Fromagerie Badoz für das feste Gegenstück. Comté, Morbier, Mont d’Or – diese Käsesorten erzählen vom Terroir des Haut-Doubs. Würzig, cremig, ehrlich. Dazu ein Stück Baguette, ein Blick ins Grüne – und der Alltag verschwindet wie eine Absinthwolke im Morgenlicht.


Naturgewalt und sanfte Weite

Schon mal auf einer Festung mit Alpenblick gestanden? Das Fort de Joux – einst Ritterburg, später Gefängnis – thront hoch über dem Tal. Von dort schweift der Blick über Wälder, Schluchten und einen Himmel, der sich manchmal wie eine Decke aus Licht anfühlt. Kein Witz.

Gleich dahinter breitet sich der Lac de Saint-Point aus – Frankreichs drittgrößter natürlicher See. Hier baden die Einheimischen im Sommer, paddeln über die glitzernde Fläche, picknicken am Ufer. Im Winter friert der See manchmal zu – dann wird er zur Eisbahn unter freiem Himmel.

Und dann wäre da noch der Saut du Doubs – ein Wasserfall, der mit voller Kraft über die Grenze in die Schweiz tost. Die Wanderung dorthin? Unvergesslich. Wald, Fluss, Felsen – und das stete Donnern des Wassers, das einem schon von Weitem entgegenhallt.

Wer’s lieber mystisch mag, wandert zur Source Bleue. Eine tiefblaue Quelle, über die man sich erzählt, sie sei aus den Tränen einer betrogenen Burgdame entstanden. Kitsch? Vielleicht. Aber genau die Art von Kitsch, die in Pontarlier funktioniert.


Kulturleben mit Herz und Humor

Pontarlier feiert – gern und oft. Im Mai steigt die Fête interculturelle: Musik, Tanz, Kulinarik aus aller Welt. Im Juni verwandelt das Festival Pont des Arts die Straßen in Bühnen, Wände in Leinwände, Passanten in Zuschauer.

Und dann, am 21. Juni, wenn ganz Frankreich die Fête de la Musique feiert, vibriert auch hier jeder Winkel. Auf der Place Saint-Bénigne spielt die Dorfjugend neben Jazzbands, Chöre singen in Kirchen, DJs legen in Innenhöfen auf. Wer da nicht tanzt, ist selbst schuld.

Besonders verrückt wird’s im Herbst: Dann finden die „Absinthiades“ statt – eine Art Weinmesse, nur eben mit Wermut, Witz und Wissenschaft. Ein Fest für Kenner, Neugierige und alle, die gerne über den Tellerrand schlürfen.


Tipps für deinen Trip

Einfach mal loslaufen – das ist hier das Beste. Start im Zentrum: Porte Saint-Pierre, Église Saint-Bénigne, dann durchs Altstadtgässchen zur Chapelle des Annonciades. Von dort den Weg hinauf zum Fort de Joux nehmen – die Strecke lässt sich auch mit dem E-Bike machen. Unten wieder angekommen, lockt der See – ideal für eine Pause, ein Bad oder ein Nickerchen auf der Wiese.

Ein Besuch in einer Absinth-Destillerie gehört dazu – nicht nur zum Probieren, sondern zum Verstehen. Und wer richtig tief eintauchen will, läuft ein Stück des Absinth-Wanderwegs. 52 Kilometer Geschichte, Natur, Genuss – so lang wie die besten Geschichten eben dauern.


Und nun?

Was bleibt nach einem Besuch in Pontarlier? Vielleicht das Gefühl, etwas Echtes entdeckt zu haben. Einen Ort, der sich nicht aufdrängt, aber tief wirkt. Wo alte Steine erzählen, Kräutergeister tanzen und Kühe in der Ferne bimmeln.

Warum also nicht mal Pontarlier, statt Paris? Jura statt Jetset? Die Stadt wartet nicht – sie bleibt, wo sie ist. Und wer kommt, wird belohnt.

Ein Reisebericht von V.O.Yager