Wer in den Südvogesen unterwegs ist, fühlt sich schnell wie bei einem perfekt abgestimmten Gourmet-Dinner: Jeder Stopp ein neuer Gang, jede Entdeckung ein wohlgewürzter Hauch französischer Lebenskunst. Zwischen sanften Hügeln, charmanten Dörfern und uraltem Handwerk entfaltet sich eine Region, die nicht nur den Gaumen, sondern auch das Herz berührt.
Ein duftender Auftakt: Fougerolles und die Kirsche
Wie beginnt ein echtes Festmahl? Natürlich mit einem raffinierten Amuse-Bouche – und das gibt’s in Fougerolles, dem Herzstück der Kirschtradition. Im Écomusée du Pays de la Cerise, untergebracht in einer ehemaligen Brennerei, taucht man ein in über 150 Jahre Kirschkultur. Zwischen antiken Destillierapparaten wird klar: Hier dreht sich alles um die Frucht mit dem gewissen Etwas.
Und dann – ein kleiner Schluck aus der Geschichte: Die Distillerie Devoille, seit 1859 aktiv, serviert Kirschwasser mit Seele. Hand aufs Herz: Wann hat man zuletzt so etwas Authentisches getrunken?
Der Hauptgang: Zwei Orte, zwei völlig verschiedene Genusswelten
Weiter geht’s – Zeit für den Hauptgang. Und der lässt sich in den Südvogesen auf zwei ganz besondere Arten genießen.
Mélisey ist ein verschlafenes Örtchen mit einem gastronomischen Juwel: dem Lard Broc Café. Hier treffen Vintage-Möbel, regionale Küche und der Charme eines französischen Flohmarkts aufeinander. Der Clou? Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, darf mitgenommen werden – inklusive der Rezepte! Täglich wechselnde Menüs aus frischen Zutaten, serviert mit einem Augenzwinkern und einem Hauch Nostalgie. Wer hier isst, isst nicht nur – er erlebt.
Ganz anders, aber ebenso einprägsam: La Touch’ d’Art in Belfort. Eine Mischung aus Kunstgalerie und Restaurant, in der saisonale Küche wie ein Gemälde angerichtet wird. Zwischen Leinwänden und Skulpturen komponiert der Küchenchef wahre Geschmacksfeuerwerke – und bringt die Region auf die Teller. Kunst, die durch den Magen geht?
Märkte zum Stöbern, Staunen und Schlemmen
Was wäre ein französisches Menü ohne frische Zutaten vom Markt? In den Vosges du Sud wird der Einkauf zum Erlebnis:
- Faucogney-et-la-Mer verwandelt sich jeden Donnerstag von April bis Oktober in ein lebendiges Schlemmerparadies. Bei der „Source Dorée“ stehen Produzenten, Winzer, Käser und Handwerker zusammen – oft mit einem Glas in der Hand und manchmal sogar einem Lied auf den Lippen.
- Die Nachtmärkte von Luxeuil-les-Bains und Auxelles-Haut im Sommer sind eine Wucht. Unter freiem Himmel flanieren, probieren, plaudern – das Leben fühlt sich plötzlich ganz leicht an.
- Les Bio Jours im September bieten mehr als nur Bio-Produkte. Rund 120 Aussteller, Workshops und ein stimmungsvoller Folk-Ball laden dazu ein, sich mit allen Sinnen auf Nachhaltigkeit einzulassen.
- Der Marché Fréry in Belfort? Eine Kathedrale des Geschmacks! Der historische Eisenbau aus dem Jahr 1905 wurde nicht umsonst mehrfach prämiert. Ein Muss: Der Stand der Fromagerie Poirel, wo Jacques Léon Édouard Poirel seinen preisgekrönten Käse mit der Ruhe eines Zen-Meisters zerteilt.
Käse, Käse, Käse – und dann noch ein bisschen mehr Käse
Jetzt wird’s deftig – wir sind schließlich in den Vogesen! Wer Käse liebt, kommt an zwei Adressen nicht vorbei:
In Saint-Bresson liegt die GAEC Menigoz, eine hochgelegene Familienkäserei. Hier entstehen regionale Klassiker wie Munster AOC, Barkass und Cabersson – von der Melkung bis zum Reifekeller alles transparent und herzlich.
Etwas weiter südlich, in Lepuix-Neuf, punktet die Fromagerie des Prairas mit rustikalem Charme und einer beeindruckenden Palette regionaler Käsesorten. So schmecken Berge!
Der süße Höhepunkt: Heidelbeertarte auf 800 Metern
In Belfahy, dem höchstgelegenen Dorf der Südvogesen, wird seit über 50 Jahren eine Legende gebacken: die Tarte aux Myrtilles von La Chevauchée. Nach streng geheimer Familienrezeptur zubereitet, lockt sie nicht nur Wanderer, sondern auch Naschkatzen aus ganz Frankreich an. Drumherum? Eine kleine, ehrliche Karte mit Produkten aus der Region – warm, familiär, einfach gut.
Ein goldiger Schluck zum Schluss
Wer nach so viel Genuss einen würdigen Abschluss sucht, wird bei GAEC Tisserand in Fougerolles fündig. Die „Perle Noire“, ein traditionell destillierter Digestif, ist nicht nur mit Gold ausgezeichnet, sondern auch mit einem feinen, tiefen Aroma gesegnet. Der perfekte Absacker – und ein edles Andenken an diese genussvolle Reise.
Kräuterzauber zum Runterkommen
Bevor’s nach Hause geht, noch ein letzter Halt: Les Jardins Nomades in Quers. Hier wird Wildkräuterwissen vermittelt, Naturkosmetik hergestellt und geräuchert, was das Kräuterlager hergibt. Ganz in der Nähe, in der Cabane aux Herbes, darf man sogar seine eigene Kräuterteemischung zusammenstellen – ein kleines, feines Souvenir für kalte Winterabende.
Eine Route, die schmeckt und bleibt
Diese Reise durch die Südvogesen ist mehr als ein Ausflug – sie ist ein Fest für alle Sinne. Wer sich einlässt, entdeckt nicht nur fantastische Produkte, sondern auch Menschen mit Herz, Geschichte zum Anfassen und eine Region, die mit jeder Kurve mehr ans Herz wächst.
Ein Reisebericht von V.O.Yager