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Nachrichten.fr · October 12, 2025

Uzès – Zeitreise in Stein gemeißelt

Zwischen Lavendelfeldern, Olivenhainen und römischen Ruinen liegt ein Ort, der sich nicht laut aufdrängt, sondern leise verführt: Uzès. Diese mittelalterliche Stadt im französischen Département Gard ist wie ein gut gehütetes Geheimnis — eines, das man nicht einfach abhakt, sondern erlebt. Und zwar mit allen Sinnen.


Wo Geschichte Wurzeln schlägt

Schon die Römer wussten: Uzès liegt strategisch klug. Damals hieß der Ort Ucetia und versorgte das nahegelegene Nîmes mit Wasser – über ein Aquädukt, dessen imposantester Teil noch heute Besucher aus aller Welt staunen lässt: der berühmte Pont du Gard.

Aber Uzès ist mehr als nur ein Wasserspender der Antike. Im Mittelalter wurde hier Politik in Stein gegossen. Drei Türme prägten das Machtgefüge der Stadt: der ducale (Herzogsturm), der épiscopale (Bischofsturm) und der royale (Königsturm). Jeder stand für eine andere Gewalt – Adel, Kirche, Krone. Und ja, das klingt fast wie ein Rollenspiel, war aber bitterer Ernst.

Der Herzogspalast, das sogenannte Duché, thront bis heute über der Stadt und ist teils noch in Familienbesitz. Man kann durch prunkvolle Salons streifen, den Ausblick von den Türmen genießen und sogar einen Blick in unterirdische Gänge werfen. Abenteuer inklusive.


Altstadt-Charme mit Pflastersteinpoesie

Wer durch Uzès schlendert, braucht kein Ziel – der Weg ist das Erlebnis. Die Gassen? Schmal, gepflastert, von hohen Steinmauern gesäumt, die im Sommer angenehmen Schatten spenden. Die Fassaden? Geschmückt mit geschnitzten Holztüren, schmiedeeisernen Balkonen, steinernen Löwenköpfen. Alles echt, nichts drapiert.

Die Place aux Herbes ist das Herzstück dieser Zeitkapsel. Umgeben von Arkaden, Platanen und kleinen Boutiquen versprüht sie eine fast südländische Gelassenheit. Besonders samstags, wenn der Markt die Stadt in ein Farbenmeer aus Tomaten, Lavendel und handgefertigter Keramik taucht. Hier kauft man nicht einfach ein – man zelebriert das Leben. Und das mit einem Glas Rosé in der Hand.


Türme, Kirchen und das gewisse „Je ne sais quoi“

Die Tour Fenestrelle – ein romanischer Glockenturm mit Zwillingsfenstern – ragt wie ein stiller Wächter in den Himmel. Daneben steht die Kathedrale Saint-Théodorit, außen eher nüchtern, innen überraschend reich. Ihr Orgelklang aus dem 17. Jahrhundert hallt bis heute durch das Kirchenschiff – ein Gänsehautmoment.

Und dann ist da noch der Flair, der sich nicht katalogisieren lässt. Ein versteckter Innenhof hier, ein wuchernder Feigenbaum dort, eine Katze, die sich auf einem antiken Sims räkelt, als hätte sie das Gebäude selbst mit entworfen.


Ein Katzensprung ins Grüne

Wen es hinauszieht, der findet rund um Uzès ein Naturparadies, das sich nicht anbiedert, sondern schlichtweg begeistert. Der Gardon – ein Fluss, der sich tief ins Kalkgestein gefräst hat – bildet Schluchten, die perfekt sind zum Wandern, Baden oder einfach nur Staunen. Wer braucht da noch Infinity-Pools?

Und dann: der Pont du Gard. Dreistöckig, monumental, römisch. Steht da seit über 2.000 Jahren, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Ist es aber nicht. Wer darunter steht, versteht plötzlich, warum Historiker manchmal Tränen in den Augen haben.


Von Gummibärchen und Tanz im Freien

Weniger antik, aber nicht weniger beliebt: das Haribo-Museum vor den Toren von Uzès. Ein Tempel der Süßigkeiten, wo Kinder große Augen machen – und Erwachsene heimlich die Lakritzevorräte plündern.

Im Sommer verwandelt sich Uzès dann zur Bühne. Beim Festival Uzès Danse tanzen Künstler in Gärten, auf Plätzen, zwischen alten Gemäuern. Wo sonst Autos hupen, gleiten hier barfüßige Tänzer über den Asphalt. Warum eigentlich nicht?


Auf der Suche nach dem echten Frankreich?

Manche Orte buhlen um Aufmerksamkeit – Uzès tut das nicht. Es ist wie eine Einladung ohne große Worte, eine Melodie, die man erst beim zweiten Hinhören erkennt. Keine Touristenbusse, keine Selfiestangen-Scharen – nur stille Größe, wohldosierte Lebendigkeit und ein Gespür für Stil ohne Protz.

Doch auch Uzès kennt Herausforderungen: steigende Immobilienpreise, politische Spannungen, eine Jugend, die sich manchmal übersehen fühlt. Aber vielleicht ist es gerade diese Spannung zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen Postkartenidylle und echtem Leben, die Uzès so greifbar macht.


Tipps für deinen Besuch – und was du auf keinen Fall verpassen solltest

Was macht Uzès so besonders?
Ganz einfach: Es ist kompakt, charmant, geschichtsträchtig – und doch nie überlaufen. In wenigen Stunden sieht man römische Technik, mittelalterliche Machtarchitektur und Renaissancefassaden. Und wenn du dich fragst: „Ist das echt?“ – dann ist die Antwort meistens: Ja, und wie!

5 Highlights für den Spaziergang durch die Stadt:

  1. Château du Duché – Historie hautnah, mit Aussicht zum Niederknien
  2. Place aux Herbes – Markttreiben, Kaffeepausen, Lebensfreude
  3. Tour Fenestrelle & Kathedrale – Romanik trifft Orgelromantik
  4. Fontaine d’Eure – eine Quelle mit antiken Wurzeln
  5. Die Gassen selbst – keine Sehenswürdigkeit, sondern ein Erlebnis

Kulinarik? Aber bitte!
Neben dem typischen Marktangebot glänzt Uzès mit kleinen Bistros, in denen saisonale Küche regiert. Trüffel, Ziegenkäse, Tapenade und die legendäre „Brandade de Nîmes“ — hier schmeckt alles nach Süden. Und beim Nachtisch darf’s gern eine Lavendel-Crème-Brûlée sein. Klingt übertrieben? Ist es nicht.


Reisetipps zum Schluss

Beste Reisezeit: Frühling und Herbst – dann sind Licht und Temperaturen einfach perfekt.
Anreise: Mit dem Auto über die D981 (ideal für Roadtrips), alternativ mit dem Bus ab Nîmes.
Unterkunft: Von charmanten Chambres d’Hôtes bis zu eleganten Boutique-Hotels – hier schläft man stilvoll.

Ein Reisebericht von V.O.Yager