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Nachrichten.fr · 18.05.2026

Wenn die Provence wandert

Die Provence riecht im Frühsommer nach wildem Thymian, warmem Stein und Lavendel. Doch noch bevor die ersten Urlauber ihre Kameras zücken, kündigt ein anderes Geräusch die neue Jahreszeit an: das dumpfe Läuten unzähliger Glocken. Dann ziehen Tausende Schafe durch enge Gassen, vorbei an Cafés, alten Brunnen und staunenden Kindern. Die Transhumance verwandelt Orte wie Saint-Rémy-de-Provence für einen Tag in eine Bühne aus Staub, Fell und Tradition.

Und plötzlich steht man mitten drin.

Ein alter Schäfer ruft seinen Hunden kurze Befehle zu, Esel tragen Säcke mit Proviant, kleine Lämmer suchen hektisch Anschluss an die Herde. Wer das zum ersten Mal erlebt, versteht rasch: Hier geht es um weit mehr als ein hübsches Dorffest. Die Transhumance gehört zum Herzschlag der Provence.

Seit 2023 zählt diese jahrhundertealte Wandertradition offiziell zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Doch in Wahrheit brauchte niemand eine Urkunde, um ihren Wert zu erkennen. Für viele Familien der Region bildet sie seit Generationen einen festen Bestandteil des Lebens.

Am Pfingstmontag, dem 25. Mai 2026, ziehen erneut Tausende Tiere durch die Straßen von Saint Rémy. Mehr als 4.000 Schafe, Ziegen, Widder und Esel nehmen an der berühmten Fête de la Transhumance teil. Schäfer in traditionellen Filzhüten begleiten die Herden Richtung Alpilles und weiter zu den Sommerweiden der Alpen. Für Besucher wirkt das wie ein lebendig gewordenes Gemälde. Für die Menschen vor Ort markiert es den Beginn eines uralten Rhythmus.

Ein Brauch aus harter Notwendigkeit

Die Geschichte der Transhumance entstand nicht aus Romantik. Sie entstand aus Überleben.

Schon im Mittelalter trieben Hirten ihre Tiere aus den heißen Ebenen der Provence hinauf in kühlere Bergregionen. Während unten die Felder austrockneten, fanden die Herden in höheren Lagen frisches Gras und Wasser. Ohne diese Wanderungen hätten viele Schäfer ihre Tiere kaum ernähren können.

Damals legten Mensch und Tier oft Hunderte Kilometer zu Fuß zurück.

Tagelang.

Wochenlang.

Heute übernehmen Lastwagen einen Teil der Strecke. Trotzdem existieren noch immer traditionelle Wanderwege, sogenannte „drailles“, die sich wie historische Lebensadern durch Südfrankreich ziehen. Manche Pfade verlaufen seit Jahrhunderten nahezu unverändert durch dieselben Täler und Hügel.

Wer entlang dieser Wege reist, entdeckt die Provence aus einer anderen Perspektive. Nicht durch die Windschutzscheibe eines Mietwagens, sondern durch die Augen jener Menschen, deren Alltag seit Generationen von Wetter, Gras und Jahreszeiten abhängt.

Und ehrlich — wann erlebt man heutzutage noch eine Tradition, die nicht bloß für Instagram existiert?

Saint Rémy verwandelt sich

An normalen Tagen wirkt Saint Rémy fast schon geschniegelt. Elegante kleine Boutiquen, schattige Plätze, Cafés mit pastellfarbenen Stühlen. Dazu die typisch provenzalischen Fensterläden, die aussehen, als hätte jemand den Himmel zurechtgeschnitten.

Während der Transhumance ändert sich alles.

Schon früh morgens säumen Zuschauer die Straßen. Familien stehen mit Baguettes unterm Arm an den Absperrungen, Kinder sitzen auf den Schultern ihrer Eltern. Der Duft von Kaffee mischt sich mit Heu und Tierwolle.

Dann kommt Bewegung auf.

Erst hört man nur Glocken.

Danach Hundegebell.

Und plötzlich ergießt sich eine wollige Welle durch die Altstadt.

Die Tiere strömen dicht an dicht vorbei, Schäfer laufen konzentriert nebenher, Besucher springen hektisch zur Seite, wenn ein besonders neugieriges Schaf den Kurs verlässt. Irgendwo ruft jemand lachend „Attention!“, während ein Esel stoisch mitten im Weg stehen bleibt. So etwas plant keiner — genau deshalb lieben die Menschen dieses Fest.

Die Stimmung erinnert fast an einen mittelalterlichen Jahrmarkt, nur authentischer. Kein künstlich aufgebautes Spektakel. Kein Freizeitparkgefühl. Sondern echtes Leben.

Die Landschaft lebt von den Herden

Viele Urlauber sehen in den Schafen lediglich eine hübsche Postkartenkulisse. Dabei erfüllen die Tiere eine wichtige Aufgabe für die Region.

Die Beweidung hält weite Flächen offen und verhindert, dass Buschwerk unkontrolliert wächst. Gerade im trockenen Süden Frankreichs spielt das eine große Rolle beim Brandschutz. Wo Schafe regelmäßig grasen, sinkt oft die Menge leicht entzündlicher Vegetation.

Die Tiere pflegen die Landschaft auf ihre ganz eigene Weise.

Langsam.

Beharrlich.

Fast lautlos.

Gleichzeitig sichern Schäfer traditionelle Tierrassen, die ohne diese Form der Landwirtschaft womöglich längst verschwunden wären. Viele regionale Arten gelten als robust und perfekt an das raue Klima angepasst.

Das klingt vielleicht erstmal unspektakulär. Doch genau solche Details entscheiden darüber, ob eine Kulturlandschaft ihren Charakter behält oder irgendwann austauschbar wirkt.

Zwischen Mythos und Wirklichkeit

Natürlich romantisieren viele Besucher das Leben der Schäfer.

Man sieht einen Mann mit Hut vor violetten Lavendelfeldern und denkt sofort an Freiheit, Natur und entschleunigtes Glück. Die Realität besitzt deutlich mehr Ecken und Kanten.

Schäfer arbeiten oft sieben Tage pro Woche. Hitze, Gewitter und Schlafmangel gehören zum Alltag. Hinzu kommen wirtschaftlicher Druck, steigende Kosten und Konflikte um Weideflächen. Junge Menschen entscheiden sich immer seltener für diesen Beruf.

Manche Herden kämpfen inzwischen zusätzlich mit Problemen durch Wölfe, die sich in Teilen Frankreichs wieder ausbreiten. Das sorgt regelmäßig für hitzige Debatten zwischen Naturschützern und Landwirten.

Ein alter Hirte aus der Provence formulierte es einmal trocken: „Die Leute lieben unsere Schafe — solange sie nur Fotos machen müssen.“

Da steckt ziemlich viel Wahrheit drin.

Kulturelle Highlights rund um die Transhumance

Wer die Fête de la Transhumance besucht, erlebt nicht bloß einen Umzug. Rund um das Ereignis verwandelt sich Saint Rémy in ein großes provenzalisches Kulturfest.

Musikgruppen spielen traditionelle Melodien mit Tamburinen und Flöten. Tänzer tragen historische Trachten, Handwerker präsentieren alte Techniken, auf kleinen Märkten verkaufen Produzenten Olivenöl, Honig und Kräuter aus der Region.

Und überall hört man Provenzalisch — jene regionale Sprache, die trotz moderner Zeiten vielerorts weiterlebt.

Die Alpilles im Hintergrund verleihen der Szenerie zusätzlich etwas fast Filmreifes. Die Kalksteinfelsen leuchten im Abendlicht golden, während sich die letzten Herden langsam aus dem Ort bewegen.

Kein Wunder, dass Maler wie Vincent van Gogh von dieser Gegend fasziniert waren. Der Künstler lebte einst in Saint Rémy und verewigte die Landschaft in einigen seiner berühmtesten Werke.

Kulinarik zwischen Dorfplatz und Almweg

Wer in der Provence feiert, feiert nie ohne gutes Essen.

Während der Transhumance duftet es überall nach gegrilltem Fleisch, Kräutern und frischem Brot. Kleine Stände verkaufen Tapenade, Ziegenkäse und würige Wurstwaren. Besonders beliebt: Agneau de Provence, also Lamm aus regionaler Zucht.

Dazu trinken viele Besucher Roséwein aus den umliegenden Weinbergen.

Oder Pastis.

Nicht unbedingt vor Mittag — aber hey, manche Urlauber halten sich daran eher locker.

Auch die Süßspeisen gehören fest zum Erlebnis. Navettes mit Orangenblütenaroma oder knusprige Calissons aus Aix en Provence landen fast automatisch in jeder Einkaufstasche.

Das Schönste daran? Viele Produkte stammen direkt von den Familien, deren Tiere später durch die Straßen ziehen.

Ein Erlebnis für Reisende

Wer die Provence ausschließlich im Hochsommer besucht, verpasst oft ihre lebendigste Seite. Die Transhumance zeigt die Region roh, laut und gleichzeitig unglaublich herzlich.

Man steht nicht einfach daneben.

Man spürt die Energie.

Kinder lachen, Hunde bellen, Glocken hallen zwischen den Häuserfassaden wider. Für einen Moment verschwindet die moderne Welt im Hintergrund. Stattdessen zählt nur dieser uralte Zug aus Mensch und Tier.

Und plötzlich versteht man den Satz: „C’est notre patrimoine, notre tradition.“

Es geht nicht bloß um Schafe.

Es geht um Zugehörigkeit.

Um Erinnerung.

Um eine Landschaft, die ohne ihre Hirten anders aussehen würde.

Wer die Gelegenheit besitzt, Saint Rémy während der Transhumance zu besuchen, sollte früh anreisen und genügend Zeit mitbringen. Die schönsten Eindrücke entstehen oft nicht beim großen Umzug selbst, sondern in den kleinen Momenten danach — wenn Schäfer erschöpft am Brunnen sitzen oder Kinder versuchen, ein störrisches Lamm zu streicheln.

Genau dort zeigt sich die wahre Provence.

Nicht geschniegelt.

Nicht geschniegelt für Reisekataloge.

Sondern lebendig, staubig und verdammt echt.

Ein Reisebericht von V.O.Yager