An einem kühlen Novemberwochenende erwacht im kleinen Küstenstädtchen Courseulles-sur-Mer im Département Calvados eine ganz besondere Stimmung: Die Seeluft ist würzig, der Hafen belebt — und überall duftet es nach frisch geöffneten Muscheln. Denn einmal im Jahr feiert man hier die Königin der Meere: die Coquille Saint-Jacques.
Vom Alltag zum Fest: Ein Hafen verwandelt sich
Am Wochenende des 22. und 23. November war es wieder so weit: Mehr als 5.000 Menschen strömten zum Hafen, um das Meer, die Gemeinschaft und vor allem die Saint‑Jacques zu feiern.
Was im Alltag schlicht Markt und Fischfang ist — Kaufleute, Fischer, Kundinnen und Kunden —, wird an diesem Wochenende zur Bühne: Verkaufsstände mit fangfrischen Muscheln und Fischen, kulinarische Stände, Musik, Meerbrise und ein bunter Trubel aus Einheimischen und Besuchern.
Auf den Marktständen: ganze Muscheln, schalenfreie „Noix“ — die begehrte Muschelbrust, bereit zum Kochen. Bei Preisen wie 5 € pro Kilo für ganze Saint‑Jacques und 18 € für 3 Kilo fertig ausgelöste Noix, war der Ansturm verständlich. Zwei Tonnen gingen innerhalb von zwei Tagen über die Theke — ein wahres Fest für alle, die Meeresfrüchte lieben.
Mehr als Markt: Genuss, Handwerk, Herzblut
Doch die Fête de la Coquille ist mehr als eine Einkaufsgelegenheit. Sie ist ein Erlebnis, bei dem Tradition auf Moderne trifft und der Geschmack im Mittelpunkt steht.
Kulinarik & Kreativität
Überall brutzelte es, duftete es nach Butter, Weißwein und Knoblauch. In Live-Workshops zeigten Köche, wie man die Muschel richtig öffnet, zubereitet oder sogar roh serviert. Kinder wie Erwachsene versuchten sich daran, die Coquille Saint‑Jacques mit nichts weiter als einem Löffel zu öffnen — ein spannender Wettbewerb mit jeder Menge Spaß.
Noemia, gerade mal zwölf Jahre alt, probierte zum ersten Mal eine Saint‑Jacques mit Topinambur. Ihre Reaktion? „Ich dachte erst, das schmeckt mir nicht … aber das war der Hammer!“ Und da war sie nicht die Einzige.
Ein Koch beschrieb die Muschel liebevoll als „kleinen Diamanten im Inneren“, den man roh, gebraten oder gedämpft genießen kann. Eine zarte Delikatesse, die jedes Mal neu überrascht.
Wettbewerbe & Stimmung
Highlight: der Wettbewerb im schnellen Öffnen der Muscheln. Drei Muscheln, eine Technik, keine Messer — nur ein Löffel. Wer am schnellsten und saubersten arbeitet, gewinnt. Zum dritten Mal in Folge siegte Babette — und kündigte lachend an, auch mit hundert Jahren noch teilzunehmen. Na, wenn das kein Statement ist!
Dazu spielte Livemusik, Chöre sangen Seemannslieder, Kinder bastelten maritime Kunstwerke und bestaunten Rettungshunde bei der Arbeit. Ein Fest für alle Sinne.
Warum gerade Courseulles‑sur‑Mer?
Courseulles liegt direkt an der Côte de Nacre, einem der bedeutendsten Fischereigebiete für die Coquille Saint‑Jacques in der Normandie. Hier werden rund 70 % aller in Frankreich verkauften Saint‑Jacques gefischt. Die Muschelfischerei ist streng reguliert: Nur in bestimmten Monaten darf gefischt werden, und nur mit klaren Auflagen — um den Bestand zu schützen.
Und genau das macht dieses Fest so besonders: Es ist der Auftakt einer Saison, die bis Mitte März dauert, und ein Symbol für nachhaltige Fischereikultur, auf die die Region stolz ist.
Ein Geschmack von Meer: Was man probieren sollte
Saint‑Jacques lassen sich auf vielfältige Weise genießen. Hier einige Empfehlungen, die auf dem Fest besonders beliebt waren:
- Gebraten mit Butter und Schalotten
- Carpaccio mit Limette und rosa Pfeffer
- Überbacken mit Käse und Safranrahm
- Mit Topinambur-Püree und Trüffelöl
- Saint‑Jacques-Spieße mit Speck und Kräutern
Wer sich einmal durch alle Varianten probiert, versteht schnell, warum diese Muschel ein echter Schatz ist.
Ein Ort, an dem Meer und Mensch zusammenfinden
Zwischen den Muschelständen und Workshops spürt man: Dieses Fest ist mehr als ein kulinarisches Event. Es ist ein Ritual, ein gemeinschaftlicher Akt — fast wie ein kleines Neujahr für die Küstenbewohner.
Und ehrlich — wo sonst kann man am Meer stehen, frische Saint‑Jacques essen, dem Klang der Möwen lauschen und gleichzeitig lernen, wie man eine Muschel kunstvoll öffnet?
Klar ist: Wer im November in der Normandie unterwegs ist, sollte dieses Fest auf keinen Fall verpassen. Die Mischung aus Tradition, Lebensfreude und kulinarischer Qualität ist einfach unwiderstehlich.
Ein Reisebericht von V.O.Yager