Wer durch Châteauneuf-Grasse schlendert, spürt es sofort: Hier weht ein anderer Wind. Einer, der Geschichten flüstert. Einer, der Poesie atmet. Und genau darum dreht sich auch das jährliche Festival „Châteauneuf en Poésie“, das vom 27. bis 30. März 2025 erneut die engen Gassen und weiten Plätze dieses provenzalischen Dorfes in ein lebendiges Gedicht verwandelte.
Das diesjährige Motto? „La poésie. Volcanique.“ – und das ist Programm.
Ein Dorf mit dichterischem Herzen
Châteauneuf-Grasse trägt den Titel „Village en Poésie“ nicht zufällig. Seit 2013 ist das Dorf offiziell als solches ausgezeichnet und zeigt eindrucksvoll, dass Poesie hier nicht nur gelesen, sondern gelebt wird. An vier Tagen im März brodelt, lodert und leuchtet die Dichtung an allen Ecken – ob bei Lesungen unter freiem Himmel, bei Konzerten im alten Gemäuer oder in Ausstellungen, die Wort und Bild kunstvoll verweben.
Besucher dürfen sich auf ein Programm freuen, das so abwechslungsreich ist wie ein gut komponiertes Gedicht: mal leise und zart, mal laut und voller Leidenschaft. Und über allem liegt diese besondere südfranzösische Atmosphäre – ein bisschen sonnenverbrannt, ein bisschen geheimnisvoll.
Die Geschichte zwischen Versen
Dass ein Ort mit so viel kultureller Energie auch historisch einiges zu erzählen hat, überrascht kaum. Schon in der Vorgeschichte war die Region besiedelt – Funde aus der Zeit um 2500 v. Chr. belegen das. Im Mittelalter entstand das „Château Neuf d’Opio“, eine Burganlage, die den Grundstein für das heutige Dorf legte. Damals wie heute thronte sie über der Landschaft – strategisch klug gewählt, denn auch die Herren von Opio wollten den besten Ausblick.
Im Jahr 1257 erlangte Châteauneuf-Grasse schließlich seine Unabhängigkeit. Was damals Machtpolitik war, ist heute Geschichte mit Patina – und der ideale Nährboden für poetische Fantasie.
Poesie in Stein gemeißelt
Wer durch die gepflasterten Gassen spaziert, stößt unweigerlich auf die Église Notre-Dame du Brusc – eine Zeitzeugin besonderer Art. Die romanische Basilika aus dem 11. Jahrhundert wurde auf den Überresten einer Kirche aus dem 5. Jahrhundert errichtet. Sogar Spuren eines frühchristlichen Friedhofs wurden hier entdeckt. Und genau hier – zwischen altem Mauerwerk und sakraler Ruhe – finden während des Festivals stimmungsvolle Lesungen statt. Man spürt: Worte wiegen hier schwerer.
Wo Olivenbäume Geschichten erzählen
Châteauneuf-Grasse liegt auf etwa 420 Metern Höhe – hoch genug, um einen spektakulären Blick auf die umliegenden Hügel und das Estérel-Massiv zu bieten. Die Natur rundherum? Ein Gedicht für sich. Alte Olivenhaine, sanfte Hügel, duftende Kräuter – es ist eine Landschaft, die schon vielen Künstlern als Muse diente. Kein Wunder also, dass auch während des Festivals Natur und Dichtung Hand in Hand gehen: Spaziergänge mit poetischen Stationen, Impro-Lesungen unter Bäumen, musikalische Picknicks – alles ist möglich.
Ein brodelndes Motto: „Volcanique“
In diesem Jahr dreht sich alles um die feurige Seite der Dichtung. Das Motto „Volcanique“ steht für kreative Explosionen, emotionale Eruptionen und die ungefilterte Kraft des Wortes. Ob Liebeslyrik, politische Poesie oder surrealistische Klangteppiche – erlaubt ist, was berührt, aufrüttelt und mitreißt.
Manchmal wirken die Vorträge wie kleine Vulkanausbrüche mitten auf dem Dorfplatz. Und ja, manchmal bleibt man einfach stehen, lauscht – und lässt sich forttragen.
Ein Ort, der entschleunigt
Neben dem Festival lohnt sich auch ganz unabhängig vom Veranstaltungstrubel ein Besuch. Châteauneuf-Grasse bietet einen wohltuenden Kontrast zur trubeligen Côte d’Azur. Hier begegnet man Geschichte auf Schritt und Tritt – sei es in verwitterten Steinfassaden, verwunschenen Gärten oder in einem Café, wo sich alteingesessene Bewohner noch Geschichten aus ihrer Kindheit erzählen.
Wer also nicht nur Sonne, sondern auch Seele sucht, ist hier goldrichtig.
Poesie mit Nachklang
Was bleibt nach vier Tagen voller dichterischer Leidenschaft? Vielleicht ein neues Lieblingsgedicht. Vielleicht ein besonders inspirierendes Gespräch mit einem Autor. Vielleicht auch nur das leise Gefühl, dass Worte manchmal stärker wirken als jede noch so perfekte Kulisse.
Châteauneuf en Poésie ist mehr als ein Festival. Es ist ein Erlebnis, das Herz und Geist anspricht – und das leise, brodelnde Feuer in uns allen entfacht.
Catherine H.