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Nachrichten.fr · August 26, 2025

„Willkommen bei den Sch’tis“: Bergues – mehr als nur ein Filmset

Wer Bergues besucht, merkt schnell: Diese kleine Stadt im Norden Frankreichs hat viel mehr zu bieten als eine Hauptrolle in einer Komödie. Zwischen historischen Mauern, flämischem Flair und filmischer Nostalgie entfaltet sich ein Ort, der seine Besucher auf eine besondere Zeitreise schickt – mit Herz, Humor und einem Schuss Käse.


Von der Kinoleinwand in die Herzen der Menschen

2008 passierte etwas Unerwartetes. Ein Film über die vermeintlich so kühle Nordregion Frankreichs schlug ein wie ein Blitz. Bienvenue chez les Ch’tis („Willkommen bei den Sch’tis“), diese warmherzige Komödie von Dany Boon, brachte nicht nur Frankreich zum Lachen – und katapultierte die kleine Stadt Bergues ins Rampenlicht.

Fast über Nacht wurde das verschlafene Städtchen zur Pilgerstätte für Filmfans. Plötzlich wollten alle den berühmten Beffroi sehen, über dieselben Brücken schlendern wie Kad Merad, und ja – vielleicht sogar einen echten Ch’ti kennenlernen. Ein wenig so, als hätte man sein Wohnzimmer für einen Dreh zur Verfügung gestellt, und plötzlich stehen Reisebusse davor.

Doch Moment mal – war das im Film gezeigte Postamt nicht irgendwie anders?

Genau! Denn die echte französische Post hatte wenig Lust auf Filmkameras. Stattdessen nutzte das Team ein altes Gebäude von Gaz de France – was heute fast schon Kultstatus genießt. Die Stadt hat das Bauwerk später übernommen und eine Ausstellung über den Film eingerichtet. Ein cleverer Schachzug – schließlich ist der Andrang bis heute ungebrochen.


Spaziergang durch eine Stadt mit doppeltem Boden

Doch auch ohne Film ist Bergues ein echtes Schmuckstück. Die Altstadt mit ihren gepflasterten Gassen wirkt wie aus der Zeit gefallen. Schon nach wenigen Schritten fühlt man sich angekommen – irgendwo zwischen französischer Leichtigkeit und flämischer Bodenständigkeit.

Wer den Beffroi erklimmt, spürt das Echo der Geschichte. Der 47 Meter hohe Glockenturm wurde nach dem Zweiten Weltkrieg mühevoll wiederaufgebaut – und steht heute unter dem Schutz der UNESCO. Oben angekommen schweift der Blick weit über das flache Land, über Felder, Kanäle und alte Gemäuer. Da fragt man sich unweigerlich: Warum haben wir diesen Teil Frankreichs eigentlich so lange übersehen?

Bergues liegt im Herzen des historischen französischen Flanderns – mit flämischen Wurzeln, die bis heute das Selbstverständnis der Menschen prägen. Hier versteht man sich weniger als „Ch’ti“, sondern als Teil einer kulturellen Brücke zwischen Frankreich und Belgien. Diese feinen Unterschiede machen die Stadt besonders – und ehrlich gesagt auch ein bisschen stolz.


Von Drehorten und echten Geschichten

Wer tiefer eintauchen will, sollte sich die „Ch’ti Tour“ nicht entgehen lassen. In gut 90 Minuten führt die Tour durch die engen Gassen, an ikonischen Filmlocations vorbei und erzählt dabei nicht nur vom Dreh, sondern auch vom echten Leben der Berguois – so nennen sich die Einheimischen.

Witzige Anekdoten, kleine Legenden und ein paar Seitenhiebe auf südfranzösische Vorurteile inklusive.

Die Route startet meist am Office de Tourisme, schlängelt sich durch die Altstadt, vorbei an der Kirche Saint-Martin, entlang der alten Festungsmauern und natürlich hoch zum Beffroi. Unterwegs wird viel gelacht, ein bisschen gestaunt – und manchmal auch innegehalten. Denn Bergues ist mehr als eine Kulisse. Es ist ein Ort, an dem man spürt, wie Geschichte und Gegenwart ineinandergreifen.


Flämisch schlemmen? Oh ja!

Nach all den Eindrücken braucht’s natürlich eine ordentliche Stärkung. Und da kommt Bergues ganz groß raus. In den kleinen, urigen Estaminets – den traditionellen Wirtshäusern der Region – steht die flämische Küche im Mittelpunkt.

Allen voran: die Carbonade flamande. Dieses herzhafte Rinderschmorgericht in Bier und Zwiebeln ist ein echter Seelenwärmer. Dazu ein cremiges Kartoffelpüree oder knusprige Pommes – und die Welt ist wieder in Ordnung.

Nicht zu vergessen: der Bergues-Käse. Mit seinem intensiven Duft und kräftigen Geschmack ist er nichts für schwache Nerven, aber ein Hochgenuss für alle, die es deftig mögen. Dazu ein kühles Bier aus der Region, und man versteht sofort, warum die Nordfranzosen so viel Lebensfreude ausstrahlen.

Wer’s lieber süß mag, findet in den Bäckereien herrliche Tartes aux sucre – mit Zucker und Butter gebackene Kuchen, die auf der Zunge zergehen.


Ein Ort, der berührt – mit und ohne Kamera

Bergues steht exemplarisch für jene Orte, die vom Kino entdeckt, aber nicht davon überrannt wurden. Die Stadt hat sich ihren Charme bewahrt, trotz Besucherandrang und medialem Rummel. Vielleicht liegt das daran, dass sie sich selbst nie zu ernst nimmt. Oder daran, dass hier echte Menschen leben, die gerne erzählen – und auch gerne zuhören.

Es ist ein bisschen wie bei einem alten Freund, den man lange nicht gesehen hat. Man kommt an, wird herzlich begrüßt – und bleibt am Ende viel länger, als geplant.


Tipps für deinen Besuch

  • Beste Reisezeit: Frühjahr und Herbst, wenn das Licht besonders schön ist und die Straßen nicht zu voll.
  • Übernachtung: Kleine Pensionen und charmante B&Bs gibt es im Zentrum – oft mit viel persönlichem Flair.
  • Anreise: Mit dem Zug über Lille, dann weiter mit dem Regionalbus. Oder mit dem Auto, etwa 20 Minuten von Dunkerque entfernt.
  • Mitbringen: Appetit, Neugier und ein wenig Humor – das reicht völlig.

Ein Besuch in Bergues fühlt sich an wie ein guter Filmabend: warm, ehrlich, ein bisschen nostalgisch – und am Ende fragt man sich, warum man das nicht schon viel früher gemacht hat.

Ein Reisebericht von V.O.Yager