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Nachrichten.fr · September 24, 2025

Wo Marseille wild wird: Der Nationalpark der Calanques

Kaum hat man die letzten Häuser Marseilles hinter sich gelassen, kippt die Welt. Asphalt wird zu Geröll, Stadtlärm zu Windrauschen, Boulevards zu steinigen Pfaden, die sich durch schroffe Felslandschaften schlängeln. Hier beginnt der Parc national des Calanques – ein Naturwunder zwischen Großstadt, Mittelmeer und rauer Bergwelt.

Der Clou? Dieser Park ist nicht irgendwo im Nirgendwo, sondern liegt nur ein paar Minuten von der Innenstadt entfernt. Und trotzdem fühlt sich ein Tag hier draußen wie ein Ausflug in ein anderes Universum an.


Eine Landschaft wie aus Stein gemeißelt

Der Nationalpark erstreckt sich über mehr als 50.000 Hektar – ein gutes Stück größer als man es einem Küstenstreifen zutrauen würde. Aber Vorsicht: Der Großteil liegt unter Wasser. Klar also, dass es hier nicht nur Wanderfreunde hinzieht, sondern auch Taucher, Kajakfahrer und Felskletterer.

Die bekanntesten Stars des Parks? Die 28 Calanques – tief eingeschnittene Buchten zwischen steilen Kalksteinwänden, die wie geheime Fjorde in die Küstenlinie greifen. Einige sind leicht erreichbar, andere fordern Trittsicherheit, Geduld und eine gewisse Abenteuerlust.

Hast du schon mal mitten in der Provence gestanden und dich gefragt, ob du wirklich noch in Europa bist? Genau dieses Gefühl stellen die Calanques ein. Und der Weg dorthin ist genauso spektakulär wie die Orte selbst.


Zwischen Kiefernduft und Meeresrauschen: Eine Natur mit Charakter

Wer durch das zerklüftete Hinterland wandert, wird begleitet vom Duft der Garrigue – dieser wilden Mischung aus Rosmarin, Thymian und Pinien. Über 900 Pflanzenarten wachsen hier, viele davon nirgendwo sonst in Frankreich.

Die Tiere? Nicht immer leicht zu entdecken, aber überall da. Reptilien huschen über warme Steine, seltene Vögel kreisen in der Thermik, und nachts erwachen die Fledermäuse. Manchmal hört man auch einfach nur – nichts.

Unter Wasser wird’s richtig spannend: Dort verstecken sich Meereswiesen aus Posidonie, geheimnisvolle Grotten, Korallenriffe und Arten, die so wirken, als kämen sie direkt aus einem Tauchabenteuerbuch: Seepferdchen, Zackenbarsche, große Muscheln, sogar Mittelmeer-Haie sind in den Tiefen unterwegs.

Und irgendwo da unten, verborgen in einer unterseeischen Höhle, liegt die Grotte Cosquer, eine Zeitkapsel aus der Eiszeit mit Felszeichnungen und uralten Gravuren. Sie zu betreten ist heute nicht mehr erlaubt – aber allein zu wissen, dass es sie gibt, macht diese Landschaft noch magischer.


Und jetzt? Rucksack packen – aber richtig!

Bevor du losziehst, ein paar Dinge, die du wissen solltest:

  • Wasser mitnehmen. Klingt banal, aber im Park gibt’s keine Trinkbrunnen, keine Cafés, nix.
  • Zugang prüfen. Gerade im Sommer sind viele Bereiche wegen Brandgefahr gesperrt – das kann sich täglich ändern.
  • Müll wieder mitnehmen. Klaro. Eigentlich selbstverständlich.
  • Reservierungen nötig? Ja, für einige Calanques wie Sugiton oder Pierres-Tombées musst du dich im Sommer vorher anmelden.

Noch besser: Nutze eine lokale App oder Website, um den aktuellen Stand zu checken. Oder du fragst einfach jemanden, der dort wohnt – die wissen oft am besten Bescheid.


Die schönsten Wege durch das Felslabyrinth

Wanderstiefel geschnürt? Dann hier ein paar Strecken, die du nicht verpassen solltest:

1. Von Sormiou nach Morgiou bis En-Vau
Ein Tagestrip für Ausdauernde. Die Aussichten? Kino-reif! Und das Wasser bei En-Vau – surreal türkis.

2. Calanque de Sugiton
Einsteigerfreundlich und spektakulär. Besonders am frühen Morgen herrlich still.

3. Cap Canaille mit Blick auf Cassis
Technisch keine Calanque, aber einer der wildesten Ausblicke auf die Küste.

4. Îles du Frioul
Mit dem Boot von Marseille aus erreichbar. Fast mondähnlich karg, mit Überraschungen an jeder Ecke.

5. Calanque de Port-Pin
Etwas voller, aber landschaftlich ein Gedicht – vor allem in der Nebensaison.

Zwischen diesen Orten lässt sich vieles zu Fuß erreichen. Wer jedoch aufs Meer hinaus will, greift zum Kajak oder macht eine Tour mit dem Boot – beides bietet ganz andere Perspektiven auf die steilen Felsen und versteckten Höhlen.


Klettern, tauchen, staunen

Für Kletterfreunde ist das Kalksteinmassiv der Calanques ein kleines Eldorado. Die Felsen sind griffig, die Routen zahlreich – aber nicht überall erlaubt. Denn viele Wände sind Nistplätze seltener Vogelarten.

Auch unter Wasser läuft das Abenteuerprogramm. Tauchschulen in Marseille und Cassis bringen dich an Stellen, die dir sonst verborgen blieben. Wer’s ruhiger mag, nimmt einfach Maske und Schnorchel – selbst nahe der Oberfläche gibt’s bunte Begegnungen.


Kultur, Geschichte und eine Prise Poesie

Was viele nicht wissen: Die Calanques waren schon immer ein Sehnsuchtsort – nicht nur für Wanderer, sondern auch für Künstler, Literaten, Rebellen.

Früher standen hier Hütten von Fischern und Sommerfrischlern, später suchten Maler wie Braque und Schriftsteller wie Marcel Pagnol in der wilden Stille Inspiration. Heute erinnern verfallene Mauern, alte Olivenhaine und verlassene Ziegenpfade an diese bewegte Geschichte.

Man kann also nicht nur wandern, sondern auch zuhören – dem Wind, der Erinnerung, der eigenen Neugier.


Tipps für dein perfektes Wochenende in den Calanques

Du hast zwei, drei Tage Zeit? Dann hier ein Vorschlag zum Runterkommen – oder Auftanken:

Tag 1:
Starte früh von Marseille aus Richtung Calanque de Sugiton. Genieße den Sonnenaufgang, nimm ein Bad, mach ein Picknick mit Blick auf die Bucht. Danach ab nach Cassis – dort wartet ein Sundowner im Hafen auf dich.

Tag 2:
Frühmorgens eine Bootstour zu den Inseln des Frioul-Archipels. Schnorcheln, Sonne, leichte Wanderung. Abends durch die Altstadt von Marseille schlendern.

Tag 3:
Ein letzter Trail zum Cap Canaille. Atemberaubender Blick (ja, wir haben das Wort vermieden, aber hier passt’s!). Und dann – vielleicht – ein letzter Sprung ins Meer?


Ein Schatz, den man besser schützt

So schön diese Landschaft ist – sie ist empfindlich. Und steht unter Druck. Massenandrang, Müll, alte Industriesünden wie die berüchtigten „boues rouges“, steigende Temperaturen, Trockenheit, Brände…

Was tun? Nicht mehr hingehen? Unsinn. Aber achtsam sein. Weniger Leute, weniger Müll, weniger Spuren – das wär schon was.

Denn wer die Calanques besucht, betritt einen Raum, der nicht uns gehört. Sondern dem Meer, dem Fels, dem Licht. Und all denen, die noch kommen.

Ein Reisebericht von V.O.Yager