Nyons. Wer diesen Ort im Herzen der Drôme Provençale besucht, entdeckt mehr als nur das bekannte Olivenöl oder die sanft geschwungenen Hügel mit ihren endlosen Olivenhainen. Man stolpert hier – im besten Sinne – über eine kleine, ehrwürdige Institution, die es so kein zweites Mal in Frankreich gibt: La Scourtinerie. Ein Ort, an dem das Handwerk noch mit Herz und Seele gemacht wird, wo Maschinen aus dem 19. Jahrhundert rattern und Kokosfasern zu kleinen Kunstwerken werden.
Was auf den ersten Blick aussieht wie rustikale Teppiche oder schlichte Untersetzer, ist in Wahrheit ein Stück französischer Industriegeschichte. Doch fangen wir von vorne an.
Was genau ist ein Scourtin?
Scourtin – das klingt irgendwie geheimnisvoll. Und tatsächlich, das Wort stammt ursprünglich aus dem Provenzalischen und bezeichnet einen Filter aus Naturfasern, der einst in der Öl- und Weingewinnung zum Einsatz kam. In die Scourtins wurde das zerstoßene Fruchtfleisch – etwa von Oliven – gegeben und dann unter gewaltigem Druck gepresst. Das kostbare Öl trat aus, das Fruchtfleisch blieb zurück.
Ziemlich clever, oder?
Heute ist die ursprüngliche Funktion fast vergessen – aber das Handwerk lebt weiter. Und das verdanken wir genau einem Ort: der Scourtinerie in Nyons.
Eine Geschichte mit Ecken, Kanten und Kokos
Gegründet wurde La Scourtinerie im Jahr 1882 von Ferdinand Fert und seiner Frau Marie. Der große Clou kam zehn Jahre später: Ferdinand erfand einen runden Webstuhl – eine Art „Scourtin-Maschine“, die zum Patent angemeldet wurde. Damit begann die eigentliche Erfolgsgeschichte. Damals wurden tausende Filter an Mühlen geliefert – Olivenöl, Wein, Cidre, alles lief durch die robusten Matten.
Und dann kam 1956.
Ein Winter wie aus einem Katastrophenfilm: klirrende Kälte, zerstörte Olivenbäume, ganze Ernten dahin. Die Nachfrage nach Scourtins brach fast über Nacht ein. Viele Betriebe gaben auf. Aber nicht die Familie Fert. Sie passte sich an – und zwar mit einer Idee, die damals verrückt klang: Warum nicht aus den Filtern Wohnaccessoires machen?
Vom Pressfilter zum Designerstück
Heute findet man Scourtins nicht nur in Museen oder bei Sammlern, sondern in modernen Wohnzimmern, auf Terrassen, als schicke Teppiche, Vorleger, Schattenspender – immer aus Kokosfaser, stets handgefertigt, jedes Stück ein Unikat.
Wie fühlt sich das an?
Ganz ehrlich: Wenn man durch die Werkstatt läuft, umgeben von Maschinen, die aus Jules Vernes Romanen stammen könnten, spürt man eine andere Zeit. Der Geruch der Fasern, das rhythmische Klackern der Webstühle, die konzentrierten Hände der Arbeiter – das alles hat eine stille Würde.
Was denkst du, wie viele Handwerksbetriebe gibt es noch, die ohne Digitalisierung, ohne Massenfertigung auskommen – und trotzdem weltweit verkaufen?
Der Werkstattbesuch – eine kleine Zeitreise
Die Werkstatt selbst ist öffentlich zugänglich und lädt Besucher ein, tiefer einzutauchen. Direkt am Eingang hängt ein riesiger Scourtin – dekorativ und imposant. Wer dann ins Innere tritt, hört nicht nur Maschinen, sondern auch Geschichten: von den fünf Generationen der Familie Fert, von Umbrüchen, Erfolgen und neuen Ideen.
Hier webt man noch mit Kokosfaser aus dem südindischen Kerala – einem Material, das so gut wie unverwüstlich ist. Und doch gelingt es der Scourtinerie, daraus filigrane Produkte zu gestalten, die sich perfekt ins moderne Zuhause einfügen.
Du willst etwas Mitnehmen? Kein Problem. Im kleinen Laden vor Ort gibt’s alles: runde Matten, knallbunte Untersetzer, elegante Schattentücher für den Garten. Alles fair, lokal und langlebig.
Die Scourtinerie und ihre Heimat – ein Stück Drôme
Nyons ist nicht nur ein Ort – es ist ein Gefühl. Der Duft von Lavendel liegt in der Luft, die Cafés rund um den Place des Arcades laden zum Verweilen ein, und überall stößt man auf kleine Geschäfte, Galerien und Märkte. Wer Lust hat, kann den Besuch in der Scourtinerie wunderbar mit einem Spaziergang durch die Altstadt verbinden.
Nur zehn Minuten zu Fuß entfernt liegt die mittelalterliche Brücke Pont Roman, die über den Fluss Eygues führt – ein perfekter Ort zum Durchatmen. Auf dem Rückweg empfiehlt sich ein Stopp in einer der zahlreichen Olivenöl-Kooperativen, wo man erfährt, wie aus den Früchten der Region das berühmte AOP-Öl entsteht.
So wird aus dem Besuch bei der Scourtinerie schnell ein ganzer Tag voller Eindrücke, Gerüche und Begegnungen.
Kulinarik trifft Handwerk
Wie könnte ein Ausflug in die Provence enden, ohne gutes Essen? Direkt in Nyons warten kleine Bistros und Restaurants mit typischen Spezialitäten: Tapenade aus schwarzen Oliven, Ziegenkäse mit Lavendelhonig, ein Glas Rosé – voilà, das Leben kann so einfach sein.
Ein besonders charmanter Ort ist das Café Arôme Lavande gleich um die Ecke. Dort sitzt man unter alten Platanen, trinkt einen Kaffee – oder zwei – und lässt die Gedanken schweifen. Vielleicht denkt man an die Hände, die aus Kokosfasern Kunst machen. Oder an die Maschinen, die seit 130 Jahren dieselben Bewegungen vollführen.
Tipps für deinen Besuch
- Adresse: 36 Rue de la Maladrerie, 26110 Nyons
- Öffnungszeiten: Montag bis Samstag, meist vormittags und nachmittags (genaue Zeiten auf der Website)
- Eintritt: frei, Spenden willkommen
- Sprache: Französisch, aber mit Händen und Füßen geht alles
- Empfehlung: Führungen anmelden – und vorher den kleinen Shop besuchen!
Was bleibt?
Vielleicht ist es genau das, was diesen Ort so besonders macht: Er zeigt, wie viel Zukunft in der Vergangenheit stecken kann. In einer Welt, in der sich vieles gleich anfühlt, bietet die Scourtinerie eine Alternative – leise, beständig, eigenwillig. Wer dort war, trägt ein Stück dieses Geistes mit sich nach Hause.
Und wer weiß – vielleicht liegt bei dir bald ein Scourtin unter dem Couchtisch?
Ein Reisebericht von V.O.Yager