Der Preis des Blutes – wie schnell die Sprache des Krieges wieder salonfähig wird
Er galt als der Gegenentwurf zu den alten Machtpolitikern Europas. Emmanuel Macron – jung, eloquent, gebildet, europäisch. Der Präsident, der Brücken bauen wollte, nicht Schützengräben. Der Mann, der Frankreich ins 21. Jahrhundert führen wollte. Und nun spricht auch er vom „Preis des Blutes“.
Wie schnell sich Worte verändern. Und mit ihnen die Politik.
Noch vor wenigen Jahren klangen Begriffe wie Diplomatie, Verständigung und europäische Zusammenarbeit wie das Fundament der Zukunft. Heute wird wieder über Aufrüstung gesprochen, über Kriegswirtschaft, Abschreckung – und nun ganz selbstverständlich über Blut. Als wäre es eine nüchterne Haushaltsposition. Als müsste man den Begriff nur oft genug wiederholen, damit er seinen Schrecken verliert.
Der Preis des Blutes.
Ein Satz, der in klimatisierten Konferenzsälen erstaunlich leicht über die Lippen geht. Dort sitzen Menschen in maßgeschneiderten Anzügen und diskutieren Strategien, während andere später Uniformen tragen und die Rechnungen bezahlen dürfen. Blut ist schließlich immer das der anderen.
Natürlich wird sofort erklärt werden, man habe das alles falsch verstanden. Es gehe ja nur um Abschreckung. Um Verteidigungsbereitschaft. Um Werte. Um Freiheit. Um Europa. Das klingt edel. Es klingt verantwortungsvoll. Es klingt beinahe heroisch.
Nur eines klingt es nicht: friedlich.
Ironischerweise lautet jede Begründung für mehr Waffen, dass sie den Frieden sichern sollen. Jedes neue Rüstungsprogramm dient angeblich ausschließlich der Deeskalation. Jeder Milliardenetat ist ein Friedensprojekt. Und wenn schließlich vom „Preis des Blutes“ gesprochen wird, dann natürlich ebenfalls im Namen des Friedens.
Man fragt sich unwillkürlich: Wie viele Friedensreden braucht es eigentlich noch, bis niemand mehr merkt, dass der Wortschatz längst aus den Geschichtsbüchern der vergangenen Kriege stammt?
Europa wollte einmal ein Kontinent sein, der aus seiner Geschichte gelernt hat. Heute scheint man vor allem gelernt zu haben, wie man alte Begriffe in moderne Verpackungen steckt. Aus Wiederbewaffnung wird „Resilienz“. Aus Aufrüstung wird „strategische Autonomie“. Aus Kriegsbereitschaft wird „Verteidigung der Werte“. Marketing kann wirklich Wunder wirken.
Und Emmanuel Macron? Ausgerechnet jener Präsident, der sich so oft als Intellektueller inszenierte, greift nun zu einer Sprache, die eher an vergangene Epochen erinnert als an das Europa des 21. Jahrhunderts. Vielleicht ist das der eigentliche Schock. Nicht, dass ein Präsident sein Land verteidigen will – das gehört zu seinem Amt. Sondern dass selbst diejenigen, die einst für Dialog standen, inzwischen Worte wählen, die den Ausnahmezustand normal erscheinen lassen.
Der Frieden stirbt selten mit einem Paukenschlag. Er verschwindet oft Satz für Satz.
Wenn Politiker beginnen, vom Blut zu sprechen, sollten Bürger nicht applaudieren. Sie sollten sehr genau hinhören. Denn Blut ist kein rhetorisches Stilmittel. Es hat Namen, Gesichter und Familien.
Und wer seinen Preis beschwört, sollte niemals vergessen, dass er ihn in den allermeisten Fällen nicht selbst bezahlt.
Andreas M. Brucker