Wenn in Cannes die Kameras blitzen, die Limousinen im Schritttempo über die Croisette rollen und Schauspieler mit Sonnenbrillen größer als ihre Filmrollen aus Nobelhotels kommen, wirkt die Côte d’Azur für wenige Tage wie eine Parallelwelt. Alles glänzt. Alles funkelt. Und genau das zieht inzwischen nicht nur Fotografen an.
Rund um das diesjährige Filmfestival häufen sich Berichte über spektakuläre Diebstähle von Luxusuhren. Betroffen sind Millionäre, Produzenten, Influencer und Unternehmer — Menschen also, die ihren Wohlstand sichtbar am Handgelenk tragen. Rolex, Patek Philippe oder Richard Mille gelten längst nicht mehr bloß als Uhrenmarken. Sie funktionieren wie kleine mobile Vermögen. Leicht transportierbar, extrem wertvoll und auf dem Schwarzmarkt begehrt wie Goldbarren.
Die französischen Behörden sprechen inzwischen offen von professionell organisierten Tätergruppen. Keine Gelegenheitstäter, keine spontanen Überfälle. Vielmehr Teams mit klarer Arbeitsteilung, die während des Festivals gezielt nach Cannes reisen. Beobachtet werden Restaurants, Strandclubs und Hotel-Lobbys. Ein kurzer Blick aufs Handgelenk genügt oft schon.
Dann geht alles rasend schnell.
Ein Rempler vor dem Hoteleingang. Ein kurzes Ablenkungsmanöver. Manchmal sogar ein direkter Griff im Vorbeigehen. Binnen Sekunden verschwindet eine Uhr im Wert einer Eigentumswohnung. Für Außenstehende wirkt das fast surreal — wie eine Szene aus einem französischen Gangsterfilm der siebziger Jahre. Nur ohne Filmmusik.
Besonders auffällig: Die Täter agieren zunehmend offensiv. Früher geschahen solche Diebstähle eher diskret, heute teils mitten auf der Croisette, direkt vor den Luxushotels und unter den Augen zahlreicher Passanten. Cannes präsentiert sich damit erneut als Ort der Extreme. Hier Luxusjachten, Champagnerempfänge und Diamantenschmuck. Dort organisierte Kriminalität, die genau auf diese Welt spezialisiert ist.
Die politische Debatte ließ nicht lange auf sich warten.
Konservative Kommentatoren sehen in den Vorfällen ein Symbol für den schwindenden Kontrollanspruch des Staates. Linke Stimmen wiederum argumentieren, Cannes inszeniere jedes Jahr eine fast provokative Zurschaustellung von Reichtum — und ziehe damit zwangsläufig Kriminelle an. Tatsächlich wirkt das Festival manchmal wie ein Schaufenster des globalen Luxuskapitalismus. Wer dort auffallen will, zeigt nicht selten am Arm, was andere in einem ganzen Jahr verdienen.
Und genau darin liegt die psychologische Besonderheit dieser Fälle.
Luxusuhren dienen längst nicht mehr nur der Zeitmessung. Sie markieren Status, Einfluss und Zugehörigkeit zu einer exklusiven Welt. In sozialen Netzwerken präsentieren Influencer ihre Modelle wie Trophäen. Unternehmer sprechen über limitierte Editionen mit derselben Leidenschaft wie andere über Oldtimer oder Kunstsammlungen. Das Problem: Sichtbarer Reichtum schafft auch sichtbare Angriffsflächen.
Viele prominente Gäste verzichten inzwischen bewusst auf auffällige Modelle oder reisen mit zusätzlichem Sicherheitspersonal an. Manche Hotels haben ihre Sicherheitsmaßnahmen verschärft, andere bieten diskrete Transporte oder private Eingänge an. Trotzdem bleibt ein Gefühl permanenter Nervosität. Hinter den Sonnenbrillen und Blitzlichtern wächst eine Atmosphäre, die eher an Hochsicherheitszonen erinnert als an ein Filmfestival.
Cannes bleibt damit ein faszinierender Widerspruch. Eine Bühne für Kino, Glamour und Machtinszenierung — zugleich aber auch ein Ort, an dem sich die Schattenseiten extremer Sichtbarkeit besonders deutlich zeigen. Je greller der Luxus strahlt, desto deutlicher treten auch jene hervor, die davon profitieren wollen.
Ein bisschen irre ist das schon.
Vielleicht erzählt gerade das mehr über das moderne Frankreich als jede politische Debatte. Denn zwischen rotem Teppich und Polizeisirenen liegen in Cannes oft nur wenige Meter.
Andreas M. Brucker