Ein Satz, ein Signal: „Es ist nicht festlich, sich zu berauschen.“ Mit dieser Aussage untermauerte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am 16. Dezember 2025 in Marseille die Ankündigung, das Bußgeld für Drogenkonsum auf 500 Euro anzuheben. Die Maßnahme soll die Drogenpolitik verschärfen – doch Kritiker sprechen von Symbolpolitik ohne Substanz.
Eine Maßnahme mit Signalwirkung
Bei einem Austausch mit Leserinnen und Lesern der Regionalzeitung La Provence kündigte Macron an, dass die sogenannte amende forfaitaire délictuelle (AFD) – eine pauschale Geldstrafe für den Besitz oder Konsum illegaler Drogen – von bislang 200 auf 500 Euro erhöht werde. Die Begründung des Präsidenten war eindeutig: „Man muss ans Portemonnaie gehen – sich zu berauschen ist kein Fest.“
Die Bußgeldregelung wurde 2020 unter dem damaligen Innenminister Gérald Darmanin eingeführt, um Polizei und Justiz zu entlasten. Sie ermöglicht es, Drogenkonsumenten direkt vor Ort mit einer Geldstrafe zu belegen, ohne langwierige Verfahren. Laut Regierungsangaben wurden zwischen 2020 und 2023 rund 350.000 solcher Strafen verhängt. Bislang lag die Standardstrafe bei 200 Euro, mit einem Rabatt bei schneller Zahlung (150 €) und einer Erhöhung bei Zahlungsverzug (450 €).
Mit der nun angekündigten Neuregelung erhöht sich der Regelsatz um 150 Prozent – ein drastischer Schritt, der laut Macron zur „Verantwortlichmachung“ der Konsumenten beitragen soll.
Marseille als Brennpunkt der Drogenkriminalität
Macrons Äußerung fiel nicht zufällig in Marseille. Die zweitgrößte Stadt Frankreichs steht seit Jahren im Zentrum der Diskussion um Drogenkriminalität, Clankonflikte und Polizeigewalt. Allein 2023 starben dort nach offiziellen Zahlen 47 Menschen infolge von Bandenauseinandersetzungen im Drogenmilieu – viele von ihnen unter 25 Jahren.
Bereits im Jahr 2021 hatte Macron die Bekämpfung des Drogenhandels als nationale Priorität bezeichnet – vergleichbar mit dem Kampf gegen den Terrorismus. In diesem Kontext ist die jüngste Maßnahme als Teil einer kontinuierlichen Verschärfung der Politik zu verstehen. Macron kündigte zudem an, dass das Inkasso von Strafzahlungen effizienter gestaltet werden solle. Derzeit liege die Zahlungsmoral bei unter 50 Prozent – viele Strafen bleiben faktisch wirkungslos.
Kritik aus der Kommunalpolitik und von Experten
Der Bürgermeister von Marseille, Benoît Payan (PS), reagierte skeptisch auf die Ankündigung. Gegenüber Medien äußerte er Zweifel am präventiven Effekt: „Sie glauben, jemand, der bereit ist, eine 200-Euro-Strafe zu riskieren, lässt sich von 500 Euro abschrecken?“ Die Maßnahme werde das eigentliche Problem – den organisierten Drogenhandel – nicht lösen.
Auch Suchtexperten und Vertreter der Präventionsarbeit weisen darauf hin, dass Strafverschärfungen ohne begleitende Sozial- und Gesundheitsmaßnahmen oft ins Leere laufen. Der französische Soziologe Laurent Mucchielli sprach in einem Interview mit Le Monde bereits 2023 von einer „Inszenierung repressiver Härte“, die wenig zur Problemlösung beitrage.
Zudem bleibt der Zusammenhang zwischen Konsum und Handel komplex. Während der Konsum illegaler Substanzen wie Cannabis, Kokain und synthetischer Drogen in Frankreich laut Eurobarometer 2024 im europäischen Vergleich überdurchschnittlich hoch ist, hat die repressive Strategie wenig Einfluss auf das Angebot gehabt. Frankreich bleibt einer der wichtigsten Transit- und Ankunftsstaaten für Drogenrouten zwischen Afrika, Südamerika und Europa.
Ein europäischer Vergleich
Frankreichs Drogenpolitik steht in deutlichem Kontrast zu Entwicklungen in anderen europäischen Ländern. In Portugal etwa gilt der Konsum kleiner Mengen seit 2001 als Ordnungswidrigkeit, nicht als Straftat – mit Fokus auf Behandlung statt Bestrafung. Auch Deutschland hat ab 2025 eine Teillegalisierung von Cannabis unter strikten Auflagen eingeführt. Die Schweiz setzt verstärkt auf Prävention und kontrollierte Abgabe im Rahmen von Pilotprojekten.
In diesem Kontext erscheint die französische Politik als Ausreißer in Richtung repressiver Kontinuität. Kritiker werfen der Regierung vor, auf populäre Law-and-Order-Signale zu setzen, während strukturelle Ursachen – Armut, Perspektivlosigkeit, unzureichende Sozialpolitik – unberührt bleiben.
Macrons Strategie zielt offensichtlich auf eine Verschärfung des öffentlichen Diskurses über Konsumverantwortung. Doch ob höhere Bußgelder den Konsum tatsächlich eindämmen, bleibt fraglich – zumal die Zahlung selbst bei der bisherigen Höhe oft ausbleibt. Insofern scheint die Maßnahme vor allem als politisches Signal gedacht: Der Staat will Härte zeigen, besonders dort, wo das Vertrauen in seine Autorität ohnehin schwindet.
Autor: P. Tiko