Weniger als ein Jahr vor dem Ende der zweiten Amtszeit von Emmanuel Macron beginnt in Frankreich bereits die Auseinandersetzung um sein politisches Erbe. Während sich die politische Debatte zunehmend auf die Präsidentschaftswahl 2027 richtet, bemühen sich ehemalige Weggefährten des Staatspräsidenten darum, die vergangenen zehn Jahre in einem möglichst geschlossenen politischen Narrativ zu verankern. Ein eigens verfasstes Dossier mit dem Titel La France de Macron soll die Reformen der vergangenen beiden Amtszeiten dokumentieren, einordnen und gegen Kritik verteidigen.
Die Initiative verdeutlicht, dass der Kampf um die historische Bewertung der Macron-Jahre längst begonnen hat. Denn obwohl Emmanuel Macron nach der Verfassung nicht erneut kandidieren kann, dürfte sein politisches Erbe die französische Innenpolitik noch über Jahre prägen.
Ein politisches Vermächtnis außerhalb des Élysée
Das Dossier wurde nicht offiziell vom Élysée-Palast herausgegeben. Vielmehr stammt es von mehreren ehemaligen Mitarbeitern und Beratern des Präsidenten, die dessen Regierungszeit rückblickend als zusammenhängendes Reformprojekt darstellen möchten. Ziel ist es, eine umfassende Bilanz der seit 2017 umgesetzten Maßnahmen vorzulegen und gleichzeitig den zahlreichen Vorwürfen entgegenzutreten, die Macron während seiner Präsidentschaft begleiteten.
Dabei geht es nicht ausschließlich um eine Auflistung einzelner Reformen. Vielmehr soll der sogenannte Macronismus als eigenständige politische Epoche beschrieben werden – mit einem klaren strategischen Leitgedanken: der Stärkung der französischen Unabhängigkeit.
Nach Auffassung der Autoren zieht sich dieses Motiv durch nahezu sämtliche politischen Projekte der vergangenen Jahre – von der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit über die Energiepolitik bis hin zur Verteidigungs- und Industriepolitik.
Wirtschaft als Kernstück der Bilanz
Besonders umfangreich fällt die wirtschaftspolitische Bilanz aus. Das Dossier hebt die sinkende Arbeitslosigkeit, zahlreiche Unternehmensansiedlungen sowie die verstärkte Reindustrialisierung Frankreichs hervor. Nach Jahren des industriellen Arbeitsplatzabbaus entstanden neue Fabriken insbesondere in den Bereichen Batterietechnologie, Elektromobilität, Halbleiterproduktion und Pharmaindustrie.
Auch die Attraktivität Frankreichs für internationale Investoren wird als Erfolg gewertet. Mehrfach belegte Frankreich in europäischen Rankings Spitzenplätze bei ausländischen Direktinvestitionen. Steuerreformen, die Abschaffung der Vermögenssteuer auf Finanzanlagen sowie umfangreiche Investitionsprogramme sollten den Wirtschaftsstandort stärken und das Land international wettbewerbsfähiger machen.
Aus Sicht der Unterstützer Macrons markieren diese Entwicklungen einen grundlegenden Kurswechsel gegenüber den wirtschaftspolitischen Strategien früherer Regierungen.
Energie, Verteidigung und strategische Souveränität
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der strategischen Eigenständigkeit Frankreichs. Die Autoren verweisen auf den Ausbau der Kernenergie, neue Investitionen in erneuerbare Energien sowie umfangreiche Maßnahmen zur Sicherung der Energieversorgung nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine.
Parallel dazu investierte Frankreich erheblich in seine Streitkräfte. Das Verteidigungsbudget wurde mehrfach erhöht, neue Rüstungsprogramme aufgelegt und die französische Rolle innerhalb der europäischen Sicherheitsarchitektur gestärkt. Gleichzeitig setzte sich Macron wiederholt für eine größere strategische Autonomie Europas ein – ein Konzept, das insbesondere nach den geopolitischen Spannungen der vergangenen Jahre an Bedeutung gewann.
Auch digitale Technologien, Künstliche Intelligenz und Halbleiterproduktion werden im Dossier als Bestandteile einer umfassenden Strategie zur technologischen Souveränität dargestellt.
Der schwierige Weg zur historischen Einordnung
Die Veröffentlichung erfolgt jedoch keineswegs in einem politischen Vakuum. Vielmehr fällt sie in eine Phase, in der sich bereits zahlreiche potenzielle Nachfolger Macrons innerhalb des politischen Zentrums positionieren. Ohne einen amtierenden Präsidenten als erneuten Kandidaten beginnt die Debatte darüber, welche Lehren aus der vergangenen Dekade gezogen werden sollen.
Vor diesem Hintergrund dient das Dossier nicht allein der Rückschau. Es versucht zugleich, den politischen Rahmen für die Zeit nach Macron festzulegen. Die Botschaft lautet, dass die Reformpolitik der vergangenen Jahre nicht als Abfolge einzelner Maßnahmen verstanden werden soll, sondern als langfristiges Projekt zur Modernisierung Frankreichs.
Damit entsteht zugleich ein ideologisches Fundament, auf das sich mögliche Nachfolger im liberalen und proeuropäischen Lager berufen könnten.
Eine Bilanz mit erheblichem Konfliktpotenzial
Ob diese Darstellung Bestand haben wird, bleibt offen. Kaum ein französischer Präsident der Fünften Republik hat die Gesellschaft derart polarisiert wie Emmanuel Macron.
Seine Unterstützer verweisen auf tiefgreifende Strukturreformen des Arbeitsmarktes, des Rentensystems sowie auf eine wirtschaftliche Modernisierung, die Frankreich widerstandsfähiger gegenüber internationalen Krisen gemacht habe. Auch die vergleichsweise robuste Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Rückkehr industrieller Investitionen gelten aus ihrer Sicht als nachhaltige Erfolge.
Kritiker erinnern hingegen an die schwersten Krisen seiner Präsidentschaft. Die Proteste der Gelbwesten erschütterten das Land über Monate und offenbarten eine tiefe gesellschaftliche Spaltung. Die umstrittene Rentenreform löste Massenproteste aus und wurde ohne Abstimmung im Parlament durchgesetzt. Hinzu kamen die politische Blockade nach dem Verlust der absoluten Mehrheit in der Nationalversammlung sowie die überraschende Auflösung des Parlaments im Jahr 2024, deren Folgen die französische Politik bis heute beschäftigen.
Gerade diese Ereignisse prägen für viele Franzosen ebenso stark das Bild der vergangenen Jahre wie wirtschaftliche Kennzahlen oder außenpolitische Initiativen.
Die Auseinandersetzung um das politische Erbe Emmanuel Macrons hat damit erst begonnen. Das Dossier La France de Macron ist weniger ein abschließender Rückblick als vielmehr der Auftakt zu einem Deutungskampf über eine Präsidentschaft, die Frankreich tiefgreifend verändert hat. Ob sich am Ende die Erzählung einer erfolgreichen Modernisierung oder jene eines Präsidenten durchsetzt, der das Land zugleich reformierte und polarisierte, wird nicht allein von Historikern entschieden werden. Die politische Debatte bis zur Präsidentschaftswahl 2027 dürfte maßgeblich darüber bestimmen, wie die sogenannte Macron-Dekade künftig in Erinnerung bleibt.
Autor: P. Tiko