Paris – 14.07.2026: Einen Wikinger sucht man in Anders Thomas Jensens neuem Film zunächst vergebens. Stattdessen gibt es einen entlassenen Bankraeuber, eine verschwundene Beute und einen Bruder, der darauf besteht, John Lennon zu sein. "The Last Viking", im Original "Den sidste viking", startet am Mittwoch, dem 15. Juli 2026, in den französischen Kinos – und setzt dabei auf jene sonderbar herzliche Grausamkeit, die das Kino des daenischen Regisseurs seit Jahren auszeichnet.
Nikolaj Lie Kaas spielt Anker, der nach 15 Jahren Haft nur einen Gedanken hat: das Geld aus einem frueheren Raub wiederzufinden. Vor seiner Festnahme hatte er den Schluessel zu einem Schliessfach seinem juengeren Bruder Manfred anvertraut. Doch Manfred, den Mads Mikkelsen spielt, lebt inzwischen unter dem Namen John und haelt sich für den Beatles-Saenger. Aus der Suche nach Bargeld wird damit eine Reise durch ein Geflecht aus Erinnerung, Verletzung und Selbstbehauptung.
Jensen, der auch das Drehbuch schrieb, nimmt die Verwandlung seiner Figuren nicht als blossen Gag. Seine Komoedie interessiert sich für den Blick der anderen: Wer darf bestimmen, was als normal gilt, und wann wird eine Rolle zum Schutzraum? Manfreds Lennon-Fantasie ist zugleich absurd und ruehrend. Sie erlaubt Mikkelsen eine Darstellung, die ihre komische Kraft gerade aus der Ernsthaftigkeit des Spiels gewinnt. Keine ironische Distanz rettet die Figur; das macht sie so beruehrend wie unberechenbar.
Ankers zunehmend verzweifelte Versuche, den Bruder zur Vernunft und zum Versteck der Beute zu bringen, fuehren in ein Milieu aus skurrilen Mitspielern, alten Familiennarben und drohender Gewalt. Sofie Graabol, Lars Brygmann, Bodil Joergensen, Soeren Malling und Nicolas Bro gehoeren zur weiteren Besetzung. Der Film verbindet damit mehrere Tonlagen: Kriminalgeschichte, Roadmovie, Familienmelodram und schwarzer Humor sitzen hier an einem Tisch – nicht immer friedlich, aber erstaunlich konzentriert.
Mikkelsen und Kaas kennen Jensens schiefes Universum seit langem. "The Last Viking" ist bereits die sechste Zusammenarbeit des Regisseurs mit den beiden Schauspielern. In Filmen wie "Adams Aepfel", "Diener des Volkes" und "Helden der Wahrscheinlichkeit" haben sie jene Mischung aus Groteske, Melancholie und plötzlicher Zartheit erprobt, die Jensen so unverwechselbar macht. Auch diesmal ist das Lachen nie ganz ohne Schatten.
Seine Weltpremiere hatte der 116 Minuten lange Film Ende August 2025 ausser Konkurrenz bei den Filmfestspielen von Venedig. Die französische Kinofassung ist für Zuschauer ab 12 Jahren freigegeben. Der Titel verspricht ein nordisches Abenteuer, doch Jensens eigentliche Expedition fuehrt nach innen: dorthin, wo Identitaeten nicht feststehen, Brueder einander verlieren und vielleicht gerade im Missverstaendnis wiederfinden.
Dass ein Mann in winddichter Jacke und mit Beatles-Frisur zum emotionalen Zentrum eines kriminellen Irrwegs werden kann, ist dabei eine Pointe von grosser Feinheit. Mads Mikkelsen macht aus Manfred keinen Sonderling zum Auslachen, sondern einen Menschen, dessen erfundene Geschichte mehr Wahrheit enthaelt als die Wirklichkeit, die andere ihm aufzwingen wollen.
Quellen
- franceinfo
- AlloCine
- L'Officiel des spectacles
- Cineuropa