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Nachrichten.fr · 08.07.2026

Marine Le Pen übernimmt wieder die Führung – Jordan Bardella rückt erneut in die zweite Reihe

Mit einem Urteil des Pariser Berufungsgerichts hat sich das Machtgefüge innerhalb des Rassemblement National (RN) schlagartig verändert. Nachdem die Richter die politischen Folgen der Verurteilung von Marine Le Pen deutlich abgeschwächt haben, sieht die dreimalige Präsidentschaftskandidatin ihre Chancen für die Wahl 2027 wieder intakt. Nur wenige Stunden nach der Entscheidung erklärte sie unmissverständlich, erneut für das höchste Staatsamt kandidieren zu wollen. Damit ist zugleich eine zentrale Frage innerhalb der französischen Rechten vorerst beantwortet: Nicht Parteichef Jordan Bardella, sondern Marine Le Pen soll den RN in die entscheidende Präsidentschaftswahl führen.

Das Ende der Spekulationen

Über Monate hinweg galt Jordan Bardella als wahrscheinlicher Präsidentschaftskandidat des Rassemblement National. Die juristischen Unsicherheiten um Marine Le Pen hatten zahlreiche Beobachter zu der Einschätzung veranlasst, die Partei bereite einen Generationenwechsel vor. Der 30-jährige Parteivorsitzende entwickelte sich mit seiner hohen Popularität – insbesondere bei jüngeren Wählerinnen und Wählern – zum Gesicht einer möglichen Nach-Le-Pen-Ära.

Diese Spekulationen sind mit der jüngsten Gerichtsentscheidung zunächst beendet. Marine Le Pen machte unmittelbar nach dem Urteil deutlich, dass sie ihre politische Laufbahn keineswegs als abgeschlossen betrachtet. Vielmehr sieht sie sich weiterhin als diejenige Persönlichkeit, die den jahrzehntelangen Aufstieg des RN mit einem Wahlsieg im Jahr 2027 krönen soll.

Für die Partei bedeutet dies eine Rückkehr zu einem vertrauten Modell: Die historische Führungsfigur übernimmt erneut die Rolle der Präsidentschaftskandidatin, während Bardella den organisatorischen und strategischen Unterbau des Wahlkampfes verantwortet.

Eine klare Arbeitsteilung

Von einer politischen Niederlage Jordan Bardellas kann dennoch keine Rede sein. Innerhalb des RN bleibt er unverzichtbar. Als Parteivorsitzender kontrolliert er weiterhin den Parteiapparat, verantwortet die Kampagnenorganisation und verkörpert den Generationswechsel, den viele Anhänger langfristig erwarten.

Nach den Vorstellungen der Parteiführung ergänzen sich beide Politiker. Marine Le Pen bringt die Erfahrung aus drei Präsidentschaftswahlkämpfen sowie ihre hohe Bekanntheit in der französischen Bevölkerung mit. Bardella wiederum spricht jüngere Wähler, Erstwähler sowie Teile des urbanen Milieus an und gilt als modernes Gesicht der Partei.

Im Umfeld des RN wird deshalb zunehmend ein Szenario diskutiert, das an die institutionelle Logik der Fünften Republik anknüpft: Marine Le Pen kandidiert für das Präsidentenamt, Jordan Bardella könnte im Falle eines Wahlsiegs als Premierminister die Regierung führen. Eine solche Rollenverteilung würde beide politischen Stärken miteinander verbinden und gleichzeitig einen offenen Machtkampf innerhalb der Partei vermeiden.

Strategische Vorteile für den RN

Für das Rassemblement National bietet diese Doppelspitze mehrere strategische Vorteile. Marine Le Pen verfügt über jahrzehntelange Erfahrung in landesweiten Wahlkämpfen und hat den Prozess der politischen Normalisierung des RN maßgeblich geprägt. Seit ihrer Übernahme der Parteiführung im Jahr 2011 verfolgt sie konsequent das Ziel, das Image der Partei zu verändern und sie für breitere Wählerschichten attraktiv zu machen.

Jordan Bardella ergänzt diese Strategie durch seine starke Präsenz in sozialen Medien, seine hohe Bekanntheit bei jüngeren Generationen und seine Fähigkeit, den RN als moderne Protestpartei zu präsentieren. Gemeinsam können beide unterschiedliche Wählergruppen ansprechen und ihre jeweiligen politischen Stärken bündeln.

Zugleich wahrt die Partei ihre Handlungsfähigkeit. Das juristische Verfahren gegen Marine Le Pen ist trotz der Entscheidung des Berufungsgerichts noch nicht endgültig abgeschlossen. Sollte das Kassationsgericht einzelne Teile des Urteils später anders bewerten, stünde mit Bardella weiterhin ein etablierter und in Umfragen aussichtsreicher Ersatzkandidat bereit.

Der Generationenwechsel wird verschoben

Die Entscheidung verdeutlicht zugleich, dass der erwartete Generationenwechsel innerhalb des RN vorerst ausbleibt. Zwar gehört Jordan Bardella inzwischen zu den bekanntesten Politikern Frankreichs und wird vielfach als künftiger Parteiführer der nächsten Generation angesehen. Solange Marine Le Pen jedoch die realistische Aussicht besitzt, selbst das Präsidentenamt zu erreichen, bleibt sie die unangefochtene Führungsfigur der Partei.

Für Bardella bedeutet dies keine Schwächung seiner langfristigen Perspektiven. Vielmehr sammelt er weitere Erfahrung an der Spitze des RN und könnte bei den kommenden Parlamentswahlen oder im Falle eines Regierungswechsels eine noch wichtigere Rolle übernehmen. Innerhalb der Partei gilt er weiterhin als natürlicher Nachfolger Marine Le Pens.

Der Präsidentschaftswahlkampf nimmt Gestalt an

Mit der erneuten Kandidatur Marine Le Pens gewinnt der französische Präsidentschaftswahlkampf 2027 deutlich an Kontur. Der RN setzt erneut auf seine bekannteste politische Persönlichkeit, während Jordan Bardella die Rolle des wichtigsten Verbündeten und potenziellen Regierungschefs übernimmt.

Ob dieses Modell bis zur Wahl Bestand haben wird, hängt weiterhin von den noch ausstehenden juristischen Verfahren ab. Politisch jedoch hat Marine Le Pen die Führungsfrage zunächst eindeutig entschieden. Die Partei präsentiert sich geschlossen und verfolgt eine Strategie, die Erfahrung und Erneuerung miteinander verbinden soll. Für Jordan Bardella bedeutet dies, vorerst einen Schritt zurückzutreten – allerdings nicht aus dem Machtzentrum des Rassemblement National, sondern in eine Rolle, die ihn weiterhin zu einer der entscheidenden Figuren der französischen Politik macht.

Autor: P. Tiko