Paris – 18.07.2026: Mitunter genügt ein Lied von knapp drei Minuten, um eine ganze Lebensphase wieder aufzuklappen. In seiner Sommerreihe über die neue weibliche Stimme im französischsprachigen Pop hat Franceinfo am 17. Juli Mentissas "La Vingtaine" erneut ins Ohr gerückt. Das Stück, dessen Titel sich als "Die Zwanziger" übersetzen lässt, handelt nicht von jener glatten Jugend, die Werbung und soziale Netzwerke gern verkaufen, sondern von ihrem unerquicklicheren, wahrhaftigeren Kern: der Ungewissheit.
Mentissa fragt darin, wie man sich selbst beschreibt, wenn man sich kaum kennt. Die belgisch-französische Sängerin zeichnet die Zwanziger als Zwischenzustand: Man soll Entscheidungen treffen, Zukunftspläne entwerfen, gelassen wirken und möglichst nebenbei glücklich sein. Doch unter der rhythmisch zurückgenommenen Popoberfläche liegt eine Stimme, die diesem Programm höflich, aber entschieden widerspricht. Sie will weiterleben, bevor sie sich endgültig festlegen lässt.
Das Lied erschien am 18. November 2022 auf Mentissas erstem Album "La vingtaine" beim Label Tôt ou tard. Geschrieben wurde es von Mentissa und Joseph Kamel; die Produktion übernahmen Egil Franzen, Romain Descampe und Rémy Galichet. Schon diese Konstellation erklärt etwas von der Eigenart des Titels: Er sucht nicht die große demonstrative Geste, sondern die genaue Form für ein Gefühl, das vielen vertraut ist und dennoch selten so unpathetisch besungen wird.
Die Zwanziger sind in Mentissas Lied weder bloßes Versprechen noch bloße Zumutung. Sie sind ein Alter, in dem Partys sich wie Pflichttermine anfühlen können, in dem Ortswechsel als Rettung erscheinen und die Frage nach dem richtigen Leben bisweilen wie eine besonders elegante Falle klingt. Das französische Wort "vingtaine" meint dabei mehr als eine Jahreszahl; es bezeichnet die diffuse Zeit um das zwanzigste Lebensjahr, wenn die Biografie noch Entwurf ist und doch schon bewertet wird.
Mentissa, die einem breiten Publikum 2021 mit "Et bam" bekannt wurde, hat in diesem Stück einen anderen Ton gefunden als den einer schnellen Selbstbehauptung. Ihre Heldin ist nicht souverän, sie bilanziert zu früh, zweifelt zu gründlich und wünscht sich vor allem einen kleinen Aufschub. Gerade darin liegt die zarte Radikalität des Liedes: Es verteidigt das Recht, nicht sofort eine fertige Person sein zu müssen.
Dass Franceinfo den Titel nun in einer Reihe über Sängerinnen und ihre neuen Erzählweisen aufgreift, ist daher mehr als sommerliche Wiederentdeckung. "La Vingtaine" wirkt vier Jahre nach seiner Veröffentlichung erstaunlich gegenwärtig, weil es die Unsicherheit nicht therapisiert und nicht zum Trend erklärt. Mentissa macht aus ihr einen Popmoment, der leise bleibt und trotzdem nachhallt: Erwachsenwerden, so legt dieses Lied nahe, ist weniger ein Ziel als eine vorläufige Unterkunft.
Quellen
- Franceinfo
- Mentissa – offizielle Albumseite
- Apple Music
- Shazam