Orléans – 19.07.2026: Wenn Nabil Attar in seiner Küche die Bitterorange, Pistazien oder Orangenblütenwasser verwendet, ist Damaskus nicht weit. Der syrische Koch, der nach seiner Flucht mit seiner Familie in Orléans ein neues Leben begann, steht im Mittelpunkt eines aktuellen Franceinfo-Porträts. Sein Restaurant Närenj in der Rue de Bourgogne ist dabei weit mehr als eine gastronomische Adresse: Es ist ein Ort, an dem Erinnerung eine Form, einen Duft und bisweilen auch eine knusprige Kruste bekommt.
Ende 2015 verließ Attar Damaskus, weil er um die Sicherheit seiner Kinder fürchtete. Zuvor hatte er als Fachmann für Bankensysteme gearbeitet und ein vergleichsweise gesichertes Leben geführt. Kochen war damals Leidenschaft und Privatvergnügen. In Frankreich wurde es zunächst zur Sprache der Ankunft: Weil ihm die Worte fehlten, lud er Nachbarn und Bekannte ein und kochte für sie. Das gemeinsame Essen übernahm, behutsam und sehr wirksam, die Aufgabe des ersten Gesprächs.
Der Weg zum eigenen Lokal führte auch über das Refugee Food Festival, das geflüchteten Köchinnen und Köchen Sichtbarkeit verschafft. Nach Einsätzen in Paris entschied sich Attar, aus seiner Leidenschaft einen Beruf zu machen. 2018 eröffnete er gemeinsam mit seiner Frau Sousana das Närenj. Die Bezeichnung steht für Bitterorange, eine Frucht, deren Duft für ihn eng mit den Höfen und Gärten seiner Geburtsstadt verbunden ist.
Das Haus in der Orléanser Altstadt setzt nicht auf die folkloristische Abkürzung, die fremde Küchen gern zu bloßem Gewürztheater verkleinert. Stattdessen verbindet Attar Gerichte aus Syrien mit französischer Produktkultur und saisonalen Zutaten. Die lokale Tourismusorganisation beschreibt Närenj als französisch-syrische Küche; auf der Karte finden auch vegetarische und vegane Gäste Platz. Gerade diese Selbstverständlichkeit wirkt wie ein leiser Einspruch gegen die Vorstellung, kulinarische Traditionen seien starre Besitzstände.
Attars Geschichte hat in den vergangenen Jahren wiederholt Aufmerksamkeit erhalten. Das UN-Flüchtlingshilfswerk porträtierte ihn bereits 2018 als Ingenieur, der in Orléans seinen gastronomischen Traum verwirklichte. Während der Corona-Pandemie bereiteten er und Sousana zudem Speisen für medizinisches Personal zu. Solche Episoden erklären, warum das Restaurant in der Stadt nicht nur als Erfolgsgeschichte eines Neuanfangs gelesen wird, sondern auch als Adresse gelebter Verbundenheit.
Dass Närenj weiterhin offiziell als Restaurant in Orléans geführt wird, gibt der Erzählung eine schöne Gegenwartsform. Aus der Flucht ist keine glatte Heldensage geworden; zu groß bleibt, was verloren ging. Aber aus Erfahrung, Handwerk und dem Mut zum Neubeginn ist eine Küche entstanden, die Herkunft nicht konserviert wie ein Museumsstück. Sie lässt sie weiterleben – im Teller, im Gespräch und im Duft einer Bitterorange.
Quellen
- Franceinfo
- UNHCR Frankreich
- Orléans Val de Loire Tourisme
- Orléans Métropole