Grenoble – 21.07.2026: Ein Konzert sollte ein Ort sein, an dem sich Unterschiede wenigstens für einen Abend in Rhythmus auflösen. Beim Festival Cabaret Frappé in Grenoble wurde daraus am Samstag, dem 18. Juli, das Gegenteil. Der Auftritt der Pariser DJ und Produzentin Barbara Butch musste nach rund zwanzig Minuten abgebrochen werden, nachdem propalästinensische Demonstranten die Veranstaltung massiv gestört hatten.
Nach Angaben der Stadt Grenoble richteten sich Bedrohungen gegen die Künstlerin; zudem sei die Sicherheit von Publikum, Teams und Mitwirkenden nicht mehr gewährleistet gewesen. Die Kommune berichtet von gezielt auf die Bühne geworfenen Gegenständen, Beschimpfungen und Schäden an elektrischen Installationen. Barbara Butch wurde von der Bühne gebracht. Die Stadt will Anzeige erstatten, damit die Vorgänge strafrechtlich untersucht werden.
Der Protest war Teil eines seit Wochen laufenden Boykottaufrufs gegen die Musikerin, den die lokale Gruppe von La France insoumise mitgetragen hatte. Im Zentrum steht ihre Unterschrift unter einen Aufruf zur Unterstützung des später zurückgezogenen Gesetzesvorhabens der Abgeordneten Caroline Yadan. Das Vorhaben sollte nach seiner Bezeichnung neue Erscheinungsformen des Antisemitismus bekämpfen und hatte gerade wegen möglicher Folgen für die Kritik an Israel heftige Kontroversen ausgelöst.
Für die Gegner des Auftritts steht Barbara Butchs Unterstützung für diesen Entwurf für eine Einschränkung propalästinensischer Stimmen. Auch ein Auftritt der DJ in Tel Aviv im Jahr 2025 wurde gegen sie angeführt. Doch aus einer politischen Kritik an einer Künstlerin wurde in Grenoble eine Situation, in der deren Arbeit auf offener Bühne nicht mehr möglich war. Genau dort beginnt die heikle Frage nach der Grenze zwischen Boykott, Protest und Einschüchterung.
Der LFI-Koordinator Manuel Bompard erklärte am Montag, er könne friedliche Proteste gegen die politische Positionierung der DJ verstehen. Zugleich stehen die dokumentierten Würfe von Flaschen und anderen Gegenständen, die die Stadt schildert, quer zu dieser Einordnung. Mehrere politische Stimmen werteten den Vorfall als antisemitisch; ein solcher Vorwurf ist schwerwiegend und muss, soweit er strafrechtlich relevant sein könnte, von den zuständigen Behörden geprüft werden.
Barbara Butch gehört zu den sichtbarsten Figuren der französischen Club- und LGBTQ+-Kultur. Ein breites Publikum erreichte sie unter anderem durch ihren Auftritt bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele von Paris 2024. Dass nun gerade eine Künstlerin, deren Arbeit für Selbstbehauptung und Vielfalt steht, zum Gegenstand einer konzertierten Ausladung wird, verleiht dem Fall eine besondere kulturpolitische Schärfe.
Das Festival Cabaret Frappé, seit einem Vierteljahrhundert von Grenoble veranstaltet, wollte an diesem Abend elektronische Musik unter freiem Himmel bieten. Geblieben ist ein Bild, das über Grenoble hinauswirkt: Kultur wird zur Projektionsfläche eines Konflikts, dessen politische Wucht nicht verschwinden darf, aber dessen Austragung nicht die körperliche Sicherheit von Künstlerinnen, Publikum und Veranstaltern preisgeben darf.
Quellen
- Ville de Grenoble
- Agence France-Presse
- Assemblée nationale
- Le Monde