Paris – 14.07.2026: Einen Monat nach dem Fall Lyhanna steht Frankreichs Justiz weiter unter Druck. Nach Angaben aus der Staatsanwaltschaft wurden landesweit rund 88.000 laufende Verfahren wegen mutmaßlicher sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige erfasst und vorrangig überprüft. Ein Staatsanwalt sagte, man habe das Risiko eines zweiten Falls wie Lyhanna nicht eingehen können.
Auslöser war der Tod der elfjährigen Schülerin aus Fleurance im Département Gers. Lyhanna war am 29. Mai 2026 nach dem Unterricht verschwunden, ihr Leichnam wurde am 4. Juni gefunden. Ein Beschuldigter, der zuvor in drei Verfahren wegen Sexualdelikten im Zusammenhang mit Minderjährigen geführt worden war, sitzt seit dem 1. Juni in Untersuchungshaft. Die Ermittlungen laufen weiter.
Der Fall legte schwere Fragen zur Bearbeitung früherer Hinweise offen. Das Justizministerium veröffentlichte am 22. Juni einen Vorbericht der beteiligten Inspektionen. Darin wird nachgezeichnet, dass eine im August 2025 eingereichte Anzeige wegen mutmaßlicher Vergewaltigung eines Kindes zunächst in Toulouse bearbeitet und später an die zuständige Staatsanwaltschaft in Auch abgegeben worden war.
Justizminister Gérald Darmanin wies die Generalstaatsanwälte am 8. Juni an, laufende Verfahren mit mutmaßlichen Sexualdelikten gegen Kinder zu zählen und besonders Fälle zu priorisieren, in denen die betroffenen Kinder noch minderjährig sind. Polizei und Gendarmerie sollen die Staatsanwaltschaften zudem sofort über Anzeigen und Hinweise informieren, damit Schutzmaßnahmen und dringliche Ermittlungen rasch angeordnet werden können.
Die Zahl von 88.000 macht die Dimension der Aufgabe sichtbar. Ende Juni hatte das Ministerium noch von 70.000 Verfahren gesprochen. Darunter sind nach Medienangaben 7.452 Vorgänge zu schweren Straftaten, bei denen eine mutmaßlich verantwortliche Person bekannt ist. Eine landesweit einheitliche Abschlussbilanz der Überprüfung lag am Dienstagmorgen nicht vor.
Für die Staatsanwaltschaften bedeutete die Aktion vor allem eine neue Reihenfolge der Dringlichkeit: Besteht weiter Kontakt zwischen einem Kind und einer verdächtigen Person, soll zuerst gehandelt werden. Nach dem damals zuletzt veröffentlichten Stand waren bis zum 22. Juni 134 Menschen wegen mutmaßlicher sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige in Untersuchungshaft genommen worden. Weitere Verfahren führten zu neuen Ermittlungsverfahren.
Der Fall Lyhanna ist damit mehr als ein einzelnes Ermittlungsverfahren. Er hat den Blick auf Akten gelenkt, die im Alltag einer überlasteten Strafjustiz lange auf Bearbeitung warten können. Die nun angeordnete Kontrolle kann Versäumnisse nicht ungeschehen machen. Sie soll aber verhindern, dass Warnzeichen erneut übersehen werden und Kinder ohne den nötigen Schutz bleiben.
Quellen
- Franceinfo
- Ministerium der Justiz
- La Depeche du Midi