Paris – 19.07.2026: Ein Baby, das nicht aufhört zu schreien, ein Haus tief im finnischen Wald und eine Mutter, deren Wahrnehmung niemand recht glauben will: Hanna Bergholms "Nightborn" setzt dort an, wo familiäres Glück im Kino meist seine weichgezeichnete Zielgerade erreicht. Der Film kommt am Mittwoch, dem 22. Juli, in die französischen Kinos und macht aus der Zeit nach einer Geburt einen düsteren, märchenhaft überhöhten Ausnahmezustand.
Im Mittelpunkt steht Saga, gespielt von Seidi Haarla. Mit ihrem britischen Mann Jon, den Rupert Grint verkörpert, zieht sie in das abgelegene Haus ihrer Kindheit. Nach der Geburt ihres Sohnes kippt die erwartete Geborgenheit ins Unheimliche. Während das Umfeld beruhigt und Jon an seiner Frau zu zweifeln beginnt, spürt Saga, dass mit dem Kind etwas nicht stimmt. Das Drehbuch vermeidet damit bewusst die bequeme Sicherheit einer eindeutig erklärten Wirklichkeit.
Der finnische Originaltitel "Yon lapsi" bedeutet ungefähr "Kind der Nacht". Bergholm greift für ihre Geschichte auf nordische Mythen und Trollvorstellungen zurück, ohne sie als folkloristische Dekoration zu behandeln. Das Wesenhafte, Fremde und zugleich erschreckend Vertraute des Säuglings wird zur filmischen Form für eine Erfahrung, die viele Frauen kennen können: Dass eine Geburt nicht nur Anfang, sondern auch Überforderung, Isolation und Verlust vertrauter Selbstbilder bedeutet.
Gerade darin liegt die heikle Stärke dieses Horrorfilms. "Nightborn" behauptet nicht, psychische Belastungen nach der Geburt medizinisch zu erklären; er übersetzt Angst, Erschöpfung und das Misstrauen der Umgebung in Bilder des Körper- und Volksmärchenkinos. Das Monster sitzt nicht schlicht in der Wiege. Es entsteht ebenso aus Blicken, die Saga vorschnell als hysterisch, undankbar oder überfordert abstempeln. Der Schrecken hat hier leider sehr menschliche Umgangsformen.
Für Bergholm ist es der zweite Langfilm nach "Hatching", das 2022 ebenfalls eine verstörende Mutter-Tochter-Geschichte mit Körperhorror und finnischer Fabeltradition verband. Mit "Nightborn" erweitert sie diesen Kosmos um eine erwachsene Protagonistin und eine Ehe, deren Risse sich mit jeder schlaflosen Nacht vertiefen. Die Regisseurin schrieb das Drehbuch gemeinsam mit Ilja Rautsi; produziert wurde die französisch-finnisch-litauisch-britische Koproduktion von Komeetta und Partnern.
Der Film feierte seine Weltpremiere im Wettbewerb der Berlinale 2026. Seine französische Auswertung übernimmt Goodfellas. Neben Haarla und Grint gehören Pamela Tola, Pirkko Saisio und Rebecca Lacey zur Besetzung. Die Mischung aus Finnisch und Englisch passt zur Geschichte eines Paares, das zwar dieselbe Wohnung, aber zunehmend nicht mehr dieselbe Wirklichkeit bewohnt.
Mit 92 Minuten bleibt "Nightborn" konzentriert und widersteht offenbar der Versuchung, die Mutterschaft als bloße Schockmaschine auszubeuten. Bergholm interessiert sich vielmehr für den Moment, in dem Fürsorge in Alarmbereitschaft umschlägt. Dass sie dafür die dunklen Wälder ihrer Heimat, alte Sagen und die Groteske des Genrekinos aufruft, verleiht dem Film eine eigene, kalte Poesie. Die Nacht wird hier nicht romantisch; sie bekommt Zähne.
Quellen
- Franceinfo
- Suomen elokuvasaatio
- Goodfellas
- Fantasia International Film Festival
- AlloCine