Marseille – 01.07.2026: Das französische Kulturministerium hat den Präsidenten des Musée des civilisations de l'Europe et de la Méditerranée (Mucem), Pierre-Olivier Costa, auf seinen eigenen Antrag hin mit sofortiger Wirkung und vorläufig suspendiert. Die Verfügung gilt ab dem 1. Juli 2026 und wurde in einem kurzen Schreiben der Rue de Valois veröffentlicht; die Suspendierung ist zunächst befristet möglich, rechtliche Details nannte das Ministerium nicht.
Die Entscheidung folgt auf eine seit März laufende polizeiliche Voruntersuchung wegen Vorwürfen des sexuellen und moralischen Belästigens sowie auf eine administrative Prüfung durch die Inspektion générale des affaires culturelles (IGAC). Der Parquet de Marseille hatte am 17. März 2026 eine vorläufige Untersuchung eingeleitet; Hintergrund sind mehrere Beschwerden von Mitarbeitenden und interne Berichte über das Arbeitsklima im Haus.
Pierre-Olivier Costa, der zuvor als Direktor des Kabinetts von Brigitte Macron und in verschiedenen Funktionen in der Pariser Kommunal- und Parteienpolitik tätig war, war Ende November 2022 bzw. durch eine Ernennung im November 2025 (erneute Bestätigung) zum Präsidenten des Mucem bestellt worden. Unter seiner Leitung kam es in den vergangenen Jahren wiederholt zu Spannungen mit Personalvertretungen; bereits Ende Juni hatten Gewerkschaften und eine Mehrheit der Belegschaft in Briefen seine vorübergehende Suspendierung gefordert.
Das Mucem ist ein öffentlich-rechtliches Museum unter Ministeriumsaufsicht mit einem Verwaltungsrat, dessen Vorsitz de jure der Präsident innehat. In der Mitteilung des Kulturministeriums wurde die Maßnahme mit dem Ziel begründet, "das Vertrauen wiederherzustellen und den sozialen Dialog in der Einrichtung neu zu beleben". Das Haus betonte in einer eigenen Stellungnahme, Costa habe die Entscheidung akzeptiert und wolle so die interne Arbeit erleichtern.
Rechtlich bleibt die Suspendierung eine vorläufige Maßnahme; strafrechtliche Verantwortlichkeit ist noch nicht festgestellt. Die IGAC und die Staatsanwaltschaft führen unabhängig voneinander Ermittlungen; Belegschaften und interimsweise eingesetzte Leitungsebene sehen sich nun mit der Aufgabe konfrontiert, Ausstellungen, Personalführung und laufende Projekte institutionell abzusichern.
Für das Mucem, das als nationales Kulturinstitut eine bedeutende Rolle in Marseille und im kulturpolitischen Netzwerk der Mittelmeerregion spielt, bedeutet die Entscheidung eine Phase vermehrter externen Kontrolle und Interimsführung. Beobachter verweisen darauf, dass die nächste formelle Entscheidung von der Schwere der Ermittlungsergebnisse abhängen wird und gegebenenfalls personal- oder verwaltungsrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen kann.
Quellen
- Ministère de la Culture (communiqué)
- Le Figaro
- Acteurs Publics
- The Art Newspaper