Marseille steht wie kaum eine andere französische Stadt für traditionsreiche Produkte mit hohem Wiedererkennungswert. Die berühmte Marseiller Seife, aromatischer Pastis, knusprige Navettes, kunstvoll gefertigte Santons oder handbemalte Keramik gehören seit Generationen zum kulturellen Erbe der Mittelmeermetropole. Doch genau diese Klassiker kämpfen seit Jahren mit einem Problem: Immer häufiger tragen Erzeugnisse den Namen „Marseille“, obwohl sie weder dort hergestellt noch nach den überlieferten Verfahren gefertigt wurden.
Mit dem neuen Gütesiegel „Fabriqué à Marseille“ setzt die Stadt nun ein deutliches Zeichen für Authentizität und regionales Handwerk. Das Label zeichnet ausschließlich Produkte aus, die tatsächlich im Stadtgebiet hergestellt oder dort maßgeblich weiterverarbeitet werden. Neben der lokalen Wertschöpfung spielen auch handwerkliche Qualität, Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung eine zentrale Rolle bei der Vergabe.
Besonders deutlich zeigt sich die Notwendigkeit eines solchen Siegels am Beispiel der berühmten Marseiller Seife. Obwohl ihr Name weltweit bekannt ist, genießt die Bezeichnung bis heute keinen umfassenden rechtlichen Schutz. Dadurch gelangen zahlreiche Nachahmungen in den Handel, die mit der traditionellen Herstellung kaum noch etwas gemeinsam haben. Für Verbraucher entsteht so häufig der Eindruck, ein echtes Produkt aus Marseille zu erwerben, obwohl dieses aus ganz anderen Regionen oder sogar aus dem Ausland stammt.
Das neue Label soll hier Orientierung schaffen. Wer das Siegel trägt, erfüllt klar definierte Anforderungen und steht für echtes Marseiller Know-how. Davon profitieren nicht nur die Hersteller, sondern auch Kunden, die gezielt nach authentischen Produkten suchen.
Dabei beschränkt sich die Auszeichnung keineswegs auf Seifen. Auch Destillerien, Kaffeeröstereien, Schokoladenmanufakturen, Brauereien, Möbelhersteller, Modeateliers, Designer und innovative Technologieunternehmen können das Label erhalten. Die Vielfalt zeigt, dass Marseille weit mehr zu bieten hat als seine historischen Klassiker. Tradition und moderne Kreativität gehen hier oft Hand in Hand.
Für die ausgezeichneten Betriebe bringt das Gütesiegel zusätzliche Vorteile. Die Stadt unterstützt sie bei gemeinsamen Werbekampagnen, Messeauftritten und touristischen Projekten. Besucher erhalten dadurch leichter Zugang zu Werkstätten, Manufakturen und Familienbetrieben, in denen handwerkliche Techniken teilweise seit Generationen gepflegt werden. Gerade für den Tourismus eröffnet das neue Möglichkeiten, Marseille von einer besonders authentischen Seite kennenzulernen.
Bereits in der ersten Vergaberunde erhielten mehr als hundert Unternehmen die Auszeichnung. Einige von ihnen wurden zusätzlich für besondere Innovationskraft, nachhaltige Produktionsweisen oder herausragende Qualität geehrt. Die positive Resonanz zeigt, dass das Interesse an regional gefertigten Produkten wächst.
Mit „Fabriqué à Marseille“ verfolgt die Hafenstadt eine Strategie, die in vielen europäischen Regionen längst erfolgreich ist: Die Herkunft eines Produkts soll wieder zu einem echten Qualitätsmerkmal werden. Das Label ersetzt zwar keine europaweit geschützte Ursprungsbezeichnung, schafft jedoch erstmals eine offizielle kommunale Garantie für echte Herstellung in Marseille. Damit stärkt die Stadt nicht nur ihre Wirtschaft, sondern bewahrt zugleich ein Stück ihrer Identität – denn hinter jeder Seife, jeder Flasche Pastis und jedem handgefertigten Objekt steckt ein Teil der unverwechselbaren Seele Marseilles.
Von C. Hatty