Avignon – 13.07.2026: Theater- und Kulturschaffende haben Präsident Emmanuel Macron beim Festival d'Avignon eindringlich vor weiteren Einsparungen im öffentlichen Kultursektor gewarnt. In einem offenen Appell verlangen die Unterzeichner, die angekündigten und bereits vollzogenen Kürzungen zu stoppen. Sie sehen die Arbeitsfähigkeit von Bühnen, Festivals und freien Kompanien gefährdet und fordern eine politische Neuorientierung zugunsten des öffentlich getragenen Kulturangebots.
Der Vorstoß fällt in eine Phase wachsender Unruhe im französischen Schauspiel- und Musikbetrieb. Nach Angaben aus dem Sektor ist der Kulturhaushalt für 2026 gegenüber dem Vorjahr um 173,4 Millionen Euro gesunken und umfasst nun rund 3,7 Milliarden Euro. Das entspricht einer Kürzung, die insbesondere Einrichtungen des darstellenden Bereichs trifft, deren Finanzierung auf staatlichen und kommunalen Zuschüssen beruht.
Die Unterzeichner des Appells verbinden ihre Warnung mit einer institutionellen Kritik. Öffentliche Kulturpolitik sei nicht auf die Finanzierung einzelner Prestigeprojekte zu reduzieren, sondern sichere dauerhafte Arbeitsplätze, regionale Spielstätten, künstlerische Produktion und den Zugang des Publikums. Werden Mittel kurzfristig gestrichen, könnten Verträge mit Künstlern und Produzenten nicht erfüllt, Premieren abgesagt und bereits geplante Spielzeiten verkleinert werden.
Besonders im Blick stehen 28 Theater, Opernhäuser, Orchester und andere Kulturinstitutionen, denen zusätzliche Absenkungen ihrer staatlichen Zuwendungen drohen. Branchenvertreter hatten bereits Anfang Juli vor Einschnitten von zehn bis zwölf Prozent bei Teilen der Zuschüsse gewarnt. Solche Maßnahmen könnten nach ihrer Einschätzung einzelne Häuser zu einer Verschiebung oder Absage von Programmen zwingen und die Kosten teilweise in Arbeitslosigkeit oder Rückerstattungen verlagern.
Die Debatte reicht über Avignon hinaus. Frankreichs Modell der Kulturförderung beruht auf einem Zusammenspiel von Staat, Regionen, Départements und Kommunen. Wenn der Zentralstaat seine Beteiligung verringert, steigt der Druck auf die Gebietskörperschaften, die ihrerseits unter Sparzwängen stehen. Für die darstellenden Künste ist dies besonders folgenreich, weil Eintrittserlöse bei vielen Produktionen nur einen Teil der tatsächlichen Kosten decken.
Die Kulturministerin Catherine Pégard hatte im Mai vor dem zuständigen Ausschuss der Nationalversammlung selbst auf die schwierigen Folgen weiterer Mittelkürzungen hingewiesen. Zugleich verwies das Ministerium auf die noch nicht abgeschlossene Vorbereitung des Haushalts für 2027. Verbindliche Entscheidungen über dessen Umfang liegen damit bislang nicht vor; die Forderung der Theaterleute richtet sich vor allem gegen mögliche zusätzliche Kürzungen im laufenden Haushaltsverfahren.
Das Festival d'Avignon verleiht dem Konflikt besondere Sichtbarkeit. Als internationales Treffen von Künstlern, Veranstaltern und Förderern ist es seit Jahrzehnten ein zentraler Ort der französischen Theaterpolitik. Der aktuelle Appell zeigt, dass die Auseinandersetzung um öffentliche Ausgaben inzwischen unmittelbar die Frage berührt, welche kulturelle Infrastruktur der Staat und die Kommunen langfristig erhalten wollen.
Quellen
- Franceinfo
- Le Monde
- Ministerium für Kultur
- Nationalversammlung