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Daniel Ivers · 19.07.2026

Ulrich Köhlers “Gavagai” fragt, wer in einem rassistischen Moment handeln darf

Paris – 19.07.2026: In wenigen Tagen kommt ein Film in die französischen Kinos, der seine entscheidende Spannung nicht aus einem Verbrechen, sondern aus dem Zögern danach bezieht. "Gavagai, et autres malentendus" von Ulrich Köhler erzählt von einem rassistischen Vorfall im Umfeld einer Filmpremiere in Berlin. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Haltung richtig ist, wenn Demut, Wut, Schutzinstinkt und Hilflosigkeit gleichzeitig im Raum stehen.

Die Geschichte beginnt während der Dreharbeiten zu einer modernen "Medea"-Adaption im Senegal. Dort kommen sich die Schauspielerin Maja und ihr Kollege Nourou näher. Monate später sehen sie sich bei der Premiere des gemeinsamen Films in Berlin wieder. Ein rassistischer Zwischenfall vor dem Festivalhotel bringt die ohnehin fragile Beziehung der beiden aus dem Gleichgewicht und macht aus persönlichen Verletzungen eine öffentliche Bewährungsprobe.

Köhler, der auch das Drehbuch schrieb, verlegt den Konflikt damit nicht in eine abstrakte Debatte. Er zeigt Menschen, die reden wollen und doch an ihren jeweiligen Erfahrungen vorbeireden. Nourou wird mit dem Übergriff konfrontiert; Maja möchte ihm beistehen. Gerade dieser Impuls, so legt es die Konstellation nahe, kann aber selbst zur Belastung werden, wenn die betroffene Person nicht mehr bestimmt, wie ihre Erfahrung benannt und verarbeitet wird.

Der Titel verweist auf ein philosophisches Gedankenexperiment des US-Philosophen Willard Van Orman Quine: Sprache bleibt ohne gemeinsamen Zusammenhang unsicher. Im Film wird daraus kein Lehrsatz, sondern eine Zumutung für die Figuren. Gute Absichten reichen nicht automatisch aus. Wer als weißer Beobachter entschlossen eingreift, kann Solidarität zeigen. Wer aber vorschnell die Deutung übernimmt, kann die Stimme dessen überlagern, dem der Angriff gegolten hat.

Mit Jean-Christophe Folly als Nourou und Maren Eggert als Maja setzt der deutsch-französische Film auf ein Spiel, das nicht nach schnellen Antworten sucht. Die antike Tragödie "Medea" bildet dabei einen Hintergrund für Fragen nach Macht, künstlerischem Blick und kolonialen Prägungen. Auch die Dreharbeiten im Senegal bleiben nicht bloße Kulisse, sondern gehören zu den Spannungen, die sich später in Berlin wieder bemerkbar machen.

In Frankreich soll "Gavagai, et autres malentendus" am 22.07.2026 starten. Der 2025 produzierte Film hatte zuvor unter anderem beim International Film Festival Rotterdam 2026 Aufmerksamkeit erhalten. Seine Aktualität liegt weniger in einer großen These als in der beobachteten Unsicherheit: Rassismus ist nicht allein dort sichtbar, wo jemand offen beleidigt wird. Er zeigt sich auch darin, wer sprechen darf, wer gehört wird – und wer im entscheidenden Augenblick zu spät fragt.

Quellen

  • franceinfo
  • International Film Festival Rotterdam
  • filmportal.de
  • Cinefil