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Nachrichten.fr · June 20, 2025

Verkehrschaos im Dorf – und der Bürgermeister greift selbst ein

Ein Mann, ein Smartphone, eine Mission: In Ennetières-en-Weppes im Norden Frankreichs kämpft Bürgermeister Jean-Claude Flinois mit ungewöhnlichen Mitteln gegen ein Problem, das viele kleine Gemeinden kennen – doch nur wenige so direkt angehen.

Denn wenn keiner die Verkehrsregeln durchsetzt, macht er es eben selbst.

Die Straße, das Dorf – und der tägliche Ärger

Ennetières-en-Weppes. Ein Ort wie viele andere: beschaulich, charmant, französisches Landleben pur.

Doch wer hier wohnt, kennt das andere Gesicht des Dorfes – den ständigen Lärm schwerer Lastwagen, die trotz Verbots durch die engen Gassen donnern.

Risse im Asphalt, eingeschränkte Sicht, unsichere Wege für Kinder und Senioren: Das Durchfahrtsverbot für Lkw ist kein dekoratives Schild, sondern eine Schutzmaßnahme.

Doch was tun, wenn sich kaum jemand daran hält?

Wenn der Bürgermeister zum Ordnungshüter wird

Die Gemeinde hat keine eigene Polizei – zu teuer. Eine eigene Polizeieinheit würde rund 250.000 Euro kosten, ein Viertel des Jahresbudgets. Also hat sich Jean-Claude Flinois für eine pragmatische Lösung entschieden: Eine App. Kostenpunkt: 2.000 Euro.

Mit dieser digitalen Anwendung für Kommunalpolitiker kann der Bürgermeister selbst Verkehrsverstöße erfassen und ahnden. Ganz legal, ganz offiziell.

Und so zieht er nun durch sein Dorf – nicht mit Blaulicht, sondern mit dem Handy.

Fünf Bußgelder in zwei Monaten – vier gegen Lkw-Fahrer, die sich nicht an das Durchfahrtsverbot hielten, und eines wegen Falschparkens. Keine Hetzjagd, betont Flinois, sondern ein deutliches Signal: „Wer sich nicht an die Regeln hält, gefährdet die Sicherheit der Anwohner.“

Doch nicht alle applaudieren. Einige Bürger begrüßen die Initiative – endlich passiere etwas. Andere hingegen zweifeln: Darf ein Bürgermeister das überhaupt?

Ein Spannungsfeld tut sich auf zwischen rechtlicher Grauzone und dringender Notwendigkeit.

Eine App ersetzt keine Polizei – oder doch?

Die Maßnahme wirkt wie ein cleverer Trick, um bürokratische Hürden zu umgehen. Gleichzeitig stellt sich eine größere Frage: Wie weit dürfen gewählte Vertreter gehen, wenn staatliche Strukturen fehlen?

Ennetières-en-Weppes denkt bereits weiter. Eine interkommunale Polizeieinheit – also ein Zusammenschluss mit Nachbargemeinden – wird diskutiert. So ließen sich die Kosten teilen, das Ordnungsproblem nachhaltig lösen. Aber bis dahin bleibt die App im Einsatz – und der Bürgermeister auf Patrouille.

Die Geschichte von Ennetières-en-Weppes spricht sich herum.

Denn viele Dörfer in Frankreich kennen das Problem: Verbotsschilder ignoriert, Polizei weit weg, Ressourcen knapp. Die App könnte für sie zum Vorbild werden – ein Stück digitale Selbstverteidigung für kleine Kommunen.

Die Digitalisierung macht vieles möglich – auch digitale Notwehr für Bürgermeister. Aber ohne klare gesetzliche Leitplanken bleibt die Verantwortung allein bei denen, die handeln.

Eine rhetorische Frage sei erlaubt: Was wäre wohl los, wenn alle Bürgermeister in Frankreich zu Ordnungshütern mit Smartphone würden?

Die Antwort kennt nur die Realität.

Doch bis dahin bleibt Jean-Claude Flinois ein Symbol für bürgernahe Politik – und für den Mut, Probleme nicht einfach auszusitzen.

Autor: Andreas M. B.