Das Schloss von Versailles diente erneut als Bühne für Frankreichs wirtschaftspolitische Ambitionen. Am Montag, dem 1. Juni 2026, beim 9. Choose-France-Gipfel im Schloss Versailles, verkündete Präsident Emmanuel Macron ausländische Investitionszusagen in Rekordhöhe von 93 Milliarden Euro. Noch nie seit der Gründung der Initiative im Jahr 2018 wurde ein höheres Volumen angekündigt. Hinter der beeindruckenden Summe verbirgt sich jedoch eine tiefgreifendere Entwicklung: Künstliche Intelligenz ist zum zentralen Baustein der französischen Industrie- und Standortpolitik geworden.
Macron verfolgt seit Jahren das Ziel, Frankreich als führende Technologiemacht Europas zu etablieren. Während die erste Phase seiner Wirtschaftspolitik von Reindustrialisierung, Unternehmensansiedlungen und der Attraktivität des Standorts Frankreich geprägt war, steht nun der Aufbau einer umfassenden KI-Infrastruktur im Mittelpunkt. Die diesjährigen Investitionszusagen zeigen, wie stark sich die Prioritäten verschoben haben: Rechenzentren, Cloud-Infrastrukturen und Hochleistungsrechner dominieren die Liste der angekündigten Projekte.
SoftBank setzt den neuen Maßstab
Die spektakulärste Ankündigung stammt vom japanischen Technologiekonzern SoftBank. Unternehmensgründer Masayoshi Son stellte Investitionen von bis zu 75 Milliarden Euro für den Ausbau von KI-Infrastrukturen in Frankreich in Aussicht. In einer ersten Phase sollen bis 2031 rund 45 Milliarden Euro in drei gewaltige Rechenzentren in der Region Hauts-de-France fließen. Die Standorte sind in Dunkerque, Bouchain und Le Bosquel geplant.
Mit einer geplanten Leistung von zunächst 3,1 Gigawatt und langfristig bis zu 5 Gigawatt würde das Vorhaben zu den größten KI-Infrastrukturprojekten Europas zählen. Die Größenordnung verdeutlicht den Wandel der Branche: Moderne KI-Modelle benötigen enorme Rechenkapazitäten, die nur durch gigantische Rechenzentren bereitgestellt werden können. Europa verfügt bislang über deutlich weniger solcher Anlagen als die USA oder China.
Für Macron ist das Projekt zugleich eine Bestätigung seiner energiepolitischen Argumentation. Frankreich verfügt mit seinem Kernkraftwerkspark über vergleichsweise günstigen und CO₂-armen Strom – ein zunehmend entscheidender Standortvorteil im globalen Wettbewerb um KI-Investitionen. Rechenzentren zählen mittlerweile zu den energieintensivsten Infrastrukturen der Weltwirtschaft.
Die KI-Offensive gewinnt an Breite
SoftBank ist keineswegs der einzige Großinvestor. Der kanadische Vermögensverwalter Brookfield erhöht seine Zusagen für KI-Infrastrukturen in Frankreich auf insgesamt 30 Milliarden Euro. Der US-Softwarekonzern Salesforce investiert zwei Milliarden Euro in sein erstes europäisches Innovationszentrum für künstliche Intelligenz in Paris. Hinzu kommen zahlreiche weitere Projekte aus den Bereichen Cloud Computing, Datenverarbeitung und digitale Infrastruktur.
Die aktuelle Investitionswelle knüpft an die Strategie an, die Macron bereits Anfang 2025 beim internationalen KI-Gipfel in Paris vorgestellt hatte. Damals kündigte die französische Regierung Investitionen von mehr als 100 Milliarden Euro für den KI-Sektor an. Das diesjährige „Choose France“-Treffen kann daher als Fortsetzung einer langfristig angelegten industriepolitischen Offensive verstanden werden.
Bemerkenswert ist dabei die zunehmende Konzentration auf die physische Infrastruktur der digitalen Wirtschaft. Während in den vergangenen Jahren häufig Start-ups, Forschungsprogramme und Innovationsförderung im Vordergrund standen, rücken nun die grundlegenden Voraussetzungen für den Betrieb großer KI-Systeme in den Mittelpunkt.
Europas Wettlauf um Rechenleistung
Die Bedeutung dieser Entwicklung reicht weit über Frankreich hinaus. Weltweit hat ein Wettbewerb um die Kontrolle der digitalen Infrastruktur begonnen. Wer über Rechenzentren, Energieversorgung und Hochleistungsprozessoren verfügt, kontrolliert zunehmend die Grundlage für wirtschaftliche Wertschöpfung und technologische Innovation.
Bislang dominieren vor allem amerikanische Technologiekonzerne wie Microsoft, Google oder die von OpenAI ausgelöste KI-Industrie den Markt. Gleichzeitig investiert China massiv in eigene Rechenkapazitäten. Europa droht in diesem Wettbewerb zurückzufallen. Macron argumentiert deshalb seit längerem, dass digitale Souveränität nur erreicht werden könne, wenn der Kontinent eigene Infrastruktur aufbaut und nicht ausschließlich auf außereuropäische Anbieter angewiesen bleibt.
Frankreich sieht sich dabei in einer vergleichsweise günstigen Ausgangslage. Neben der stabilen Stromversorgung durch Kernenergie verweist die Regierung auf beschleunigte Genehmigungsverfahren, eine zentrale Lage innerhalb Europas und eine zunehmend investorenfreundliche Wirtschaftspolitik. Diese Faktoren sollen dazu beitragen, dass internationale Konzerne ihre europäischen KI-Projekte bevorzugt in Frankreich ansiedeln.
Zwischen Euphorie und Realität
Trotz der Rekordzahlen bleibt die wirtschaftliche Bilanz offen. Investitionszusagen sind zunächst Absichtserklärungen, deren Umsetzung sich über Jahre erstreckt. Ein erheblicher Teil der angekündigten Summen wird erst bis Anfang der 2030er-Jahre investiert werden. Zudem hängen viele Projekte von der weiteren Entwicklung der Weltwirtschaft, der Energiepreise und der Nachfrage nach KI-Dienstleistungen ab.
Hinzu kommt, dass Frankreichs Reindustrialisierung zuletzt an Dynamik verloren hat. Mehrere Ökonomen weisen darauf hin, dass die Zahl der Industriearbeitsplätze weiterhin unter Druck steht und die wirtschaftliche Lage angesichts schwachen Wachstums und steigender Staatsverschuldung herausfordernd bleibt. Die Regierung muss daher beweisen, dass die Milliardeninvestitionen nicht nur symbolischen Charakter besitzen, sondern tatsächlich nachhaltige Wertschöpfung schaffen.
Auch die ökologische Dimension gewinnt an Bedeutung. Rechenzentren benötigen enorme Mengen an Strom und Wasser. Selbst wenn Frankreich dank seiner Kernenergie vergleichsweise niedrige CO₂-Emissionen vorweisen kann, werden Fragen nach Ressourcenverbrauch, Flächenbedarf und lokaler Umweltbelastung zunehmend Teil der politischen Debatte.
Die Rekordzahlen von Versailles markieren deshalb mehr als einen wirtschaftspolitischen Erfolg. Sie verdeutlichen den Wandel des französischen Wirtschaftsmodells. Nach Jahren, in denen Fabriken, Industrieansiedlungen und Produktionskapazitäten im Mittelpunkt standen, setzt Macron nun auf die Infrastruktur des digitalen Zeitalters. Frankreich soll nicht nur Produktionsstandort sein, sondern zu einem europäischen Zentrum für Rechenleistung, Datenspeicherung und künstliche Intelligenz werden.
Ob diese Strategie langfristig aufgeht, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Die angekündigten 93 Milliarden Euro belegen jedoch, dass internationale Investoren bereit sind, auf Frankreichs Rolle im globalen KI-Wettlauf zu setzen. Für Macron könnte dies zu einem der prägendsten wirtschaftspolitischen Vermächtnisse seiner Präsidentschaft werden.
P.T.