Manchmal schreibt die Wirtschaft Geschichten, die kaum widersprüchlicher sein könnten. Anfang des Jahres sorgte eine Sonnenbrille von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron weltweit für Aufmerksamkeit. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos trug er ein Modell mit markanten bläulichen Gläsern, das binnen weniger Tage zum Gesprächsthema in den sozialen Netzwerken wurde. Besonders ein viel beachteter Videoausschnitt mit seinem englischen „for sure“ verbreitete sich rasant und machte die Brille zu einem unerwarteten Modephänomen.
Für die französische Brillenindustrie schien dieser Moment wie ein Werbegeschenk des Himmels. Schließlich stammten die Gläser der Sonnenbrille aus dem traditionsreichen Jura, einer Region, die seit Generationen als Herz der französischen Brillenherstellung gilt. Hinter den Gläsern stand das Unternehmen Dalloz Creations aus Saint-Claude.
Die Verantwortlichen hofften damals auf neue Aufmerksamkeit für ihr handwerkliches Können. Kein Wunder: Weltweit berichteten Medien über die auffällige Brille des französischen Staatspräsidenten. Für einen Hersteller hochwertiger Sonnengläser ist eine solche Bühne normalerweise unbezahlbar.
Doch zwischen medialem Ruhm und wirtschaftlichem Erfolg liegt oft eine tiefe Schlucht.
Nur wenige Monate nach dem internationalen Auftritt in Davos ist Dalloz Creations zahlungsunfähig. Das Handelsgericht von Lons-le-Saunier hat die gerichtliche Liquidation des Unternehmens angeordnet. Damit endet die Geschichte eines traditionsreichen Betriebs, der über Jahrzehnte zu den angesehenen Spezialisten für hochwertige Sonnengläser in Europa zählte. Für die 29 Beschäftigten bedeutet die Entscheidung den Verlust ihres Arbeitsplatzes. Gleichzeitig steht der Geschäftsbetrieb zum Verkauf.
Gegründet wurde Dalloz Creations bereits 1957. Das Unternehmen machte sich insbesondere mit der Verarbeitung von Polycarbonat einen Namen und entwickelte spezielle Verfahren für Farbverläufe sowie hochwertige Beschichtungen, die vor allem im Luxussegment gefragt waren. In den vergangenen Jahren setzte die Firma zudem auf die Stärkung des Produktionsstandorts Frankreich, auf kurze Lieferketten und auf umweltfreundlichere Herstellungsverfahren.
Trotz dieser Bemühungen verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage zunehmend. Der Umsatz sank innerhalb weniger Jahre deutlich. Was zunächst wie eine schwierige Marktphase wirkte, entwickelte sich Schritt für Schritt zu einer existenziellen Krise. Am Ende reichten weder die technische Kompetenz noch die hohe Produktqualität aus, um den Abwärtstrend aufzuhalten.
Der Fall zeigt eindrucksvoll, unter welchem Druck viele französische Industriebetriebe stehen. Selbst Unternehmen mit jahrzehntelanger Erfahrung kämpfen gegen globale Wettbewerber, die oft deutlich günstiger produzieren können. Hinzu kommen steigende Kosten für Energie, Personal und Rohstoffe.
So bleibt von der kurzen Berühmtheit rund um Macrons Sonnenbrille vor allem eine bittere Erkenntnis: Aufmerksamkeit allein bezahlt keine Rechnungen. Die Bilder aus Davos gingen um die Welt, die wirtschaftlichen Probleme im Jura blieben dagegen weitgehend unsichtbar. Für Dalloz Creations war der internationale Medienrummel letztlich nur ein kurzes Aufflackern – bevor die Realität den traditionsreichen Hersteller einholte.
Autor: Andreas M. Brucker