Kommentar
Der Sommer zeigt keine Gnade. Aber noch gnadenloser ist eine Gesellschaft, die seit Jahrzehnten so tut, als seien Betonwüsten, soziale Ausgrenzung und politische Gleichgültigkeit bloß bedauerliche Randerscheinungen. Jetzt wird daraus eine Frage von Leben und Tod.
Denn während sich die einen in klimatisierte Villen zurückziehen, den Swimmingpool auf angenehme 26 Grad temperieren und überlegen, ob sie den Zweitwohnsitz am Atlantik oder doch lieber das Ferienhaus in den Alpen aufsuchen, sitzen andere in Wohnungen fest, die sich tagsüber in Backöfen verwandeln und nachts kaum unter 30 Grad abkühlen. Willkommen in der Republik der zwei Temperaturen.
Man muss Frankreich fast gratulieren. Es ist gelungen, hunderttausende Menschen in riesige Betonsilos zu sperren, ihnen jahrzehntelang Bäume, Grünflächen und Investitionen vorzuenthalten – und jetzt staunt man ernsthaft darüber, dass dort die Hitze besonders unerträglich ist. Wer hätte das bloß ahnen können?
Vielleicht die Stadtplaner. Vielleicht die Klimaforscher. Vielleicht die Ärzte. Vielleicht einfach jeder Mensch, der schon einmal barfuß über aufgeheizten Asphalt gelaufen ist.
Aber offenbar brauchte es erst Temperaturen jenseits der 40 Grad, damit plötzlich auffällt: Beton speichert Wärme. Welch revolutionäre Erkenntnis.
Natürlich wird jetzt wieder von der “Jahrhunderthitze” gesprochen. Das klingt dramatisch und hat einen angenehmen Nebeneffekt: Es suggeriert, niemand könne etwas dafür. Das Wetter eben. Höhere Gewalt.
Nein.
Die Hitze kommt von oben. Die soziale Katastrophe wurde von unten gebaut.
Sie wurde geplant. Genehmigt. Finanziert. Jahrzehntelang verwaltet.
Wer Menschen in Wohnblocks ohne Schatten, ohne Parks und ohne vernünftige Dämmung unterbringt, darf sich später nicht überrascht geben, wenn diese Gebäude zu Hitzefallen werden. Das ist kein Schicksal. Das ist Politik aus Beton.
Besonders zynisch wird es, wenn anschließend Tipps verteilt werden.
“Trinken Sie ausreichend Wasser.”
Ach was.
“Vermeiden Sie körperliche Anstrengung.”
Erzählen Sie das dem Lieferfahrer, der Pakete in den fünften Stock schleppt. Der Reinigungskraft. Dem Bauarbeiter auf dem Gerüst. Der Altenpflegerin ohne Klimaanlage. Menschen, die sich ihre Arbeitszeiten nicht nach der Wetter-App aussuchen können.
Und dann kommt der Lieblingssatz der Wohlstandsgesellschaft:
“Gehen Sie an einen kühlen Ort.”
Welcher denn?
Die Bibliothek, die längst geschlossen hat?
Das klimatisierte Einkaufszentrum, in dem man möglichst konsumieren soll?
Oder vielleicht einfach ins eigene Ferienhaus? Ach nein, Moment – dafür müsste man reich sein.
Denn genau darum geht es inzwischen.
Reichtum kauft heute nicht nur Komfort. Er kauft Sicherheit.
Ein gut gedämmtes Haus.
Eine Klimaanlage.
Einen Garten.
Ein schattiges Grundstück.
Ein Auto mit Klimatisierung.
Die Möglichkeit, einfach wegzufahren.
Armut dagegen bedeutet: Fenster auf – obwohl draußen dieselbe glühende Luft steht. Schlaflose Nächte. Kreislaufprobleme. Angst um die Kinder. Angst um die Großeltern. Und die bittere Erkenntnis, dass das eigene Konto inzwischen darüber entscheidet, wie heiß sich das Leben anfühlt.
Die Klimakrise trifft alle? Das klingt schön auf Podiumsdiskussionen.
In Wahrheit trifft sie manche mit einem lauen Lüftchen und andere wie ein Vorschlaghammer.
Wer Geld hat, kauft sich Anpassung.
Wer keines hat, bekommt Ratschläge.
Man könnte fast lachen, wenn es nicht so erbärmlich wäre.
Jahrelang wurden Milliarden in Prestigeprojekte investiert. Glasfassaden, Einkaufszentren, Bürokomplexe, Stadien, architektonische Träume aus Beton und Stahl. Für die Banlieues blieb häufig das übliche Versprechen: Irgendwann kümmern wir uns.
Jetzt kümmert sich die Sonne.
Sie kennt keine Wahlprogramme.
Sie kennt keine Sonntagsreden.
Sie brennt erbarmungslos auf Fassaden, die niemals für solche Temperaturen gebaut wurden. Und sie macht sichtbar, was man politisch jahrzehntelang übersehen wollte: Die soziale Spaltung verläuft inzwischen auch entlang der Thermometer.
Wer arm ist, lebt heißer.
So einfach. So brutal.
Natürlich werden nun Arbeitsgruppen gegründet werden. Expertenkommissionen. Nationale Strategien. Runde Tische. Aktionspläne mit wohlklingenden Namen und Hochglanzbroschüren.
Währenddessen versuchen Familien erneut, die Nacht irgendwie zu überstehen.
Es ist ein erstaunlicher Widerspruch unserer Zeit.
Nie wurde so viel über Klimaschutz gesprochen.
Und selten wurde so wenig über jene gesprochen, die der Klimawandel zuerst trifft.
Nicht auf Inseln im Pazifik.
Nicht irgendwann.
Sondern mitten in Frankreich. Heute. In den Vororten der großen Städte.
Vielleicht besteht die größte Ungerechtigkeit dieser Hitzewelle gar nicht in den Temperaturen.
Sondern darin, dass manche Menschen ihr entkommen können – und andere ihr ausgeliefert sind.
Hitze ist längst kein Wetter mehr.
Sie ist ein Klassenunterschied.
Und solange ein klimatisiertes Wohnzimmer mehr über die Lebenserwartung aussagt als Geschlecht und Statistiken vergangener Zeiten, sollte niemand behaupten, unsere Gesellschaft sei nur wegen der Sonne ins Schwitzen geraten.
Ein Kommentar von Andreas M. Brucker