Zurück

Nachrichten.fr · 21.05.2026

Wenn der Augenarzt zum Luxus wird

Wer im französischen Département Gers einen Termin beim Augenarzt braucht, benötigt vor allem eines: Geduld. Fünf Monate Wartezeit – in manchen Gemeinden sogar mehr – sind dort längst keine Ausnahme mehr. Für viele klingt das zunächst nach einem Problem der Provinz, nach einem jener kleinen Missgeschicke des ländlichen Lebens. Doch der Blick hinter die Zahlen erzählt eine andere Geschichte. Eine Geschichte über ein Gesundheitssystem, das zwar allen gehören soll, aber immer häufiger vom Wohnort abhängt.

Der Begriff „désert médical“ fällt in Frankreich seit Jahren. Medizinische Wüste. Das klingt drastisch, fast wie eine Übertreibung. Im Gers wirkt das Wort allerdings erschreckend präzise. Denn es fehlt nicht bloß an Ärzten. Es fehlt an erreichbaren Ärzten, an Zeitfenstern, an Wegen, die ältere Menschen überhaupt noch bewältigen können.

Und genau dort beginnt das eigentliche Problem.

Eine neue Brille später abzuholen – geschenkt. Doch Augenkrankheiten halten sich nicht an Wartelisten. Ein beginnendes Glaukom etwa arbeitet still wie ein Taschendieb im Dunkeln. Auch Netzhauterkrankungen oder die altersbedingte Makuladegeneration dulden keinen Aufschub. Wer Monate auf eine Untersuchung wartet, verliert im schlimmsten Fall etwas, das sich nicht reparieren lässt: das Augenlicht.

Besonders ältere Menschen geraten dabei unter Druck. Viele leben allein auf dem Land, fahren nicht mehr selbst Auto oder sind auf seltene Busverbindungen angewiesen. Der Weg zum Spezialisten nach Toulouse oder Tarbes fühlt sich dann schnell an wie eine kleine Expedition. Mal eben zum Arzt? Eher nicht.

Frankreich erlebt damit eine stille Spaltung seiner Gesundheitsversorgung. Während in Metropolen Facharztzentren wachsen und moderne Praxen um Patienten konkurrieren, kämpfen ländliche Regionen um jede freie Sprechstunde. Ärzte siedeln sich dort an, wo Infrastruktur, Arbeitsbedingungen und Einkommen attraktiver erscheinen. Das ist menschlich – für die Betroffenen auf dem Land allerdings bitter.

Die Behörden versuchen gegenzusteuern. Zusätzliche Konsultationen, Förderprogramme, mobile Angebote. Alles sinnvoll, alles gut gemeint. Doch viele Initiativen wirken bislang wie Pflaster auf einer tieferen Wunde. Denn das Grundproblem bleibt bestehen: Junge Fachärzte zieht es selten in dünn besiedelte Regionen. Wer jahrelang studiert hat, sucht häufig auch berufliche Netzwerke, moderne Kliniken, kulturelles Leben und planbare Arbeitszeiten. Das Gers bietet viel Ruhe, viel Landschaft – aber eben nicht immer jene Bedingungen, die Mediziner heute erwarten.

Hinzu kommt ein demografischer Effekt. Zahlreiche Augenärzte der älteren Generation gehen in Rente, Nachfolger fehlen. Zack – plötzlich verschwindet die einzige Praxis im Umkreis von fünfzig Kilometern.

Das alles zeigt, wie fragil der republikanische Grundsatz der Gleichheit geworden ist. Auf dem Papier besitzt jeder Franzose denselben Zugang zur Gesundheitsversorgung. In der Realität entscheidet immer öfter die Postleitzahl darüber, wie schnell Hilfe erreichbar bleibt.

Der Augenarzt als Luxusgut – das klingt hart. Für viele Menschen im ländlichen Frankreich beschreibt es inzwischen schlicht den Alltag.

Von C. Hatty