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Daniel Ivers · 12.07.2026

Wenn die Angst bleibt: Betroffene sexueller Gewalt fürchten, selbst Täter zu werden

Paris – 12.07.2026: Es ist eine Angst, die sich kaum aussprechen lässt und gerade deshalb so schwer wiegt. Menschen, die in ihrer Kindheit sexualisierte Gewalt erlebt haben, schildern in einer aktuellen Franceinfo-Reportage die Sorge, selbst eines Tages Grenzen zu verletzen. Nicht eine konkrete Tat steht im Mittelpunkt, sondern der quälende Verdacht gegen die eigene Person – und die Frage, ob das Erlebte das weitere Leben bestimmen muss.

Die Betroffenen berichten von Scham, Selbstzweifeln und einer beschädigten Selbstachtung. Einige vermeiden Nähe, andere stellen ihre spätere Elternschaft oder Beziehungen grundsätzlich infrage. Fachleute aus Psychiatrie und Psychologie beschreiben diese Angst vor einer Wiederholung als besonders belastend. Sie kann den Blick auf das eigene Handeln verzerren und Menschen daran hindern, Vertrauen zu sich selbst und zu anderen aufzubauen.

Die Reportage verweist dabei auf Erkenntnisse der unabhängigen Kommission CIIVISE, die seit 2020 Aussagen von Menschen sammelt, die als Kinder Inzest oder andere sexualisierte Gewalt erfahren haben. Die Kommission hat wiederholt deutlich gemacht, dass die Folgen nicht mit dem Ende der unmittelbaren Gewalt verschwinden. Sie reichen in Gesundheit, Beziehungen, Ausbildung und Beruf hinein – und verlangen verlässliche, langfristige Unterstützung.

Nach Angaben der CIIVISE werden in Frankreich jährlich schätzungsweise 160.000 Kinder Opfer sexueller Gewalt. Die Zahl beschreibt ein gesellschaftliches Problem von großer Tragweite, hinter dem jeweils einzelne Lebensgeschichten stehen. Die Kommission betont, dass Schutz nicht allein aus Strafverfolgung bestehen darf: Entscheidend seien auch ein ernsthaftes Zuhören, sichere Anlaufstellen und Zugang zu spezialisierter psychotherapeutischer Hilfe.

Der aktuelle Beitrag behandelt keinen einzelnen Strafprozess und nennt keine Beschuldigten. Sein Anlass ist die Erfahrung erwachsener Betroffener, die ihre innere Not öffentlich machen. Gerade diese Perspektive verschiebt den Blick: Nicht die vermeintliche Gefährlichkeit der Opfer steht im Vordergrund, sondern die Folgen von Gewalt, Schweigen und fehlender Unterstützung.

Die CIIVISE fordert in ihren Empfehlungen eine stärkere Prävention, bessere Ausbildung von Fachkräften und ein abgestimmtes Hilfesystem für Kinder sowie für Erwachsene, die Gewalt in ihrer Kindheit überlebt haben. Dazu gehört auch, Warnsignale ernst zu nehmen und Aussagen von Kindern ohne Misstrauen aufzunehmen. Die Kommission sieht darin eine Aufgabe von Schule, Medizin, Justiz, Jugendhilfe und dem sozialen Umfeld.

Wer befürchtet, einem Kind Schaden zuzufügen, oder von einer Gefährdung weiß, kann in Frankreich im akuten Notfall Polizei oder Gendarmerie über die 17 erreichen. Für Kinder in Gefahr und Erwachsene, die sich um ein Kind sorgen, ist zudem die kostenlose Nummer 119 vorgesehen. Hinter der Angst, die nun öffentlich beschrieben wird, steht damit auch eine klare Botschaft: Hilfe zu suchen ist ein Schritt zum Schutz – für sich selbst und für andere.

Quellen

  • Franceinfo
  • CIIVISE
  • Ministerium fuer Arbeit und Solidaritaet