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Nachrichten.fr · 08.06.2026

Wie aus einem Gerücht ein politisches Instrument wurde

Am 7. Juni strahlte France 5 die Dokumentation „La Fabrique du mensonge : Brigitte Macron, l’ombre de la rumeur“ aus. Der Film widmet sich einer Verschwörungserzählung, die seit mehreren Jahren durch soziale Netzwerke geistert: der Behauptung, Brigitte Macron sei als Mann geboren worden und habe die Identität ihres Bruders Jean-Michel Trogneux angenommen. Doch die Dokumentation verfolgt ein deutlich größeres Ziel, als lediglich eine längst widerlegte Behauptung zu entkräften.

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie aus einer zunächst randständigen Verschwörungstheorie ein internationales politisches Phänomen entstehen konnte. Die Autoren zeichnen nach, wie die Erzählung zunächst in kreisen von Corona-Skeptikern und Verschwörungsgläubigen auftauchte. Von dort fand sie ihren Weg in rechtspopulistische Netzwerke in Frankreich und später auch in die Vereinigten Staaten. Was zunächst wie ein obskures Internetgerücht wirkte, entwickelte sich Schritt für Schritt zu einem Thema mit erheblicher medialer Reichweite.

Besonders eindrücklich zeigt der Film die Rolle sozialer Netzwerke. Bilder wurden aus ihrem Zusammenhang gerissen, vermeintliche Ähnlichkeiten konstruiert und Spekulationen als Tatsachen präsentiert. Die Mechanismen dahinter wirken fast banal: Inhalte, die starke Emotionen auslösen, verbreiten sich schneller. Algorithmen belohnen Aufmerksamkeit – unabhängig davon, ob die zugrunde liegenden Behauptungen wahr oder falsch sind.

Die Dokumentation macht deutlich, dass Brigitte Macron dabei nicht zufällig ins Visier geraten ist.

Mehrere Experten erläutern, dass die französische First Lady für politische Gegner einen besonders empfindlichen Angriffspunkt darstellt. Wer Zweifel an ihrer Person sät, trifft indirekt auch ihren Ehemann, Präsident Emmanuel Macron. Hinter vielen Angriffen steht deshalb weniger ein persönliches Interesse an Brigitte Macron als vielmehr der Versuch, das Vertrauen in die politische Führung zu untergraben.

Bemerkenswert ist zudem, dass die Filmemacher auch Menschen zu Wort kommen lassen, die an der Verbreitung der Gerüchte beteiligt waren. Dabei entsteht kein einheitliches Bild. Einige erscheinen fest von ihren Behauptungen überzeugt. Andere wiederum wirken wie Akteure eines digitalen Geschäftsmodells, das von Aufmerksamkeit, Reichweite und öffentlicher Empörung lebt. Klicks, Likes und Bekanntheit sind im Internet oft eine eigene Währung.

Der Film betrachtet die Affäre darüber hinaus als Beispiel für gesellschaftliche Vorurteile, die in modernen Verschwörungserzählungen häufig zusammentreffen. Fachleute sprechen von einer Mischung aus Sexismus, Altersdiskriminierung, Homophobie und Transphobie. Gerade solche Themen eignen sich besonders gut für emotional aufgeladene Kampagnen, weil sie bestehende Ängste und Ressentiments ansprechen.

Dabei bleibt eine zentrale Tatsache unverändert: Für die Behauptung, Brigitte Macron sei als Mann geboren worden, existieren keine belastbaren Belege. Die Dokumentation beschäftigt sich daher weniger mit dem Wahrheitsgehalt des Gerüchts als mit den Wegen seiner Verbreitung. Sie zeigt, wie sich unbelegte Behauptungen verselbstständigen können und wie politische Interessen, soziale Netzwerke und wirtschaftliche Anreize dabei ineinandergreifen.

So entsteht das Porträt einer Zeit, in der Gerüchte nicht mehr nur am Stammtisch kursieren, sondern innerhalb weniger Stunden Millionen Menschen erreichen können. Die Geschichte um Brigitte Macron dient dabei als Beispiel für ein größeres Phänomen: die Macht moderner Desinformation und ihre Fähigkeit, politische Debatten nachhaltig zu beeinflussen.

Autor: C.H.