Paris taumelte in der Nacht vor Glück – und verlor dabei stellenweise die Kontrolle. Nach dem Einzug von Paris Saint-Germain ins Finale der UEFA Champions League verwandelten sich Teile der französischen Hauptstadt in ein lärmendes Meer aus Hupen, Bengalos und Gesängen. Doch während Tausende den Erfolg gegen den FC Bayern feierten, blieb am Morgen danach ein bitterer Nachgeschmack zurück.
Besonders hart traf es die Ausstellung „Vivre ensemble“ des bekannten Fotografen Yann Arthus-Bertrand auf der Place de la Concorde. Zahlreiche großformatige Fototafeln lagen umgestürzt am Boden, beschädigt oder aus ihren Verankerungen gerissen. Bilder, die eigentlich den gesellschaftlichen Zusammenhalt feiern sollten, wurden ausgerechnet in einer Nacht der kollektiven Euphorie Opfer blinder Zerstörung. Ironischer geht es kaum.
Der Fotograf reagierte sichtbar enttäuscht. In einem kurzen Video sprach er mit jener Mischung aus Sarkasmus und Frust, die man wohl nur entwickelt, wenn Idealismus auf Asphaltrealität prallt. „Offenbar haben die PSG-Fans die Ausstellung sehr geliebt“, sagte er trocken und rief Freiwillige dazu auf, beim Wiederaufbau der beschädigten Installation zu helfen. Ein Satz, halb Witz, halb Resignation.
Die Nacht verlief auch andernorts chaotisch. Rund um die Viertel Trocadéro, Alma und Concorde kam es zu Ausschreitungen, Sachbeschädigungen und Zusammenstößen mit der Polizei. Gruppen junger Männer zogen durch die Straßen, warfen Feuerwerkskörper und versuchten zeitweise sogar, auf Zufahrten zum Pariser Stadtring vorzudringen. Die Polizei reagierte mit massiver Präsenz und löste Menschenansammlungen immer wieder auf.
Nach Angaben des Innenministeriums nahm die Polizei 127 Personen fest, mehr als hundert davon direkt in Paris. Elf Menschen erlitten Verletzungen, darunter eine Person schwer durch einen Feuerwerksmörser. Gegen halb drei Uhr morgens kehrte langsam Ruhe ein. Paris atmete durch – geschniegelt sah die Stadt danach allerdings nicht mehr aus.
Die Szenen werfen erneut eine Frage auf, die in Frankreich nach großen Fußballabenden fast ritualhaft auftaucht: Warum kippt ausgelassene Freude so oft in Aggression? Natürlich feierten Zehntausende friedlich. Familien standen auf Balkonen, Menschen tanzten auf Motorhauben, Fremde lagen sich in den Armen. Doch wie so häufig reichen einige Dutzend Chaoten, um das Bild einer ganzen Nacht zu prägen.
Mit Blick auf das Finale gegen Arsenal F.C. am 30. Mai in Budapest kündigten die Behörden bereits ein Großaufgebot der Sicherheitskräfte an. Innenminister Laurent Nuñez versprach „systematische Eingriffe“ bei neuen Ausschreitungen. Gleichzeitig sorgt die geplante Fan-Zone in Paris schon jetzt für politische Spannungen zwischen Stadtverwaltung und Polizei. Hinter den Kulissen knistert es gewaltig.
Paris liebt den Fußball. Aber manchmal wirkt diese Liebe wie ein Streichholz in einem Raum voller Benzindämpfe.
Andreas M. B.